Ich schaue tief in dich hinein und zeige dir deine Persönlichkeit. Ich zeige dir, wer du bist mit all deinen Schatten-und Glanzseiten.

„Manchmal provoziere ich Menschen, die ich mag, weil ich wissen möchte, was in ihnen steckt. Ich möchte wissen, wer sie sind, wenn sie nicht ihre Alltagsmaske tragen. Dann kitzle ich an ihren Ängsten, hole ihre Sorgen nach oben, um ihr wahres Ich an die Oberfläche zu transportieren!…“


Dies schrieb mir heute morgen eine Freundin. Wir waren am Abend zu vor aus gegangen. Hatten uns eigentlich zum Wohlverdienten Party-Abend verabredet. Doch es kam anders, als gedacht. Einige Stunden später hatte unser Taxifahrer die treffenden Worte dazu: „Die besten Erfahrungen entstehen in ungeplanten Situationen.“

Wahrlich, was an diesem Abend passierte, hatten weder sie noch ich geplant.

Über die Jahre habe mir eine gute Portion Selbstvertrauen aufgebaut, dass in den letzten Wochen mal mehr mal weniger seine Blütezeit erlebte. Wie es so ist im Leben muss man erst das eine und dann das andere Extrem erfahren als auch leben, um seine Mitte zu finden. So stolzierte ich erhobenen Hauptes durch mein Leben geprägt durch den Gedanken wertvoll und mit großartigen Talenten ausgestattet zu sein. Nun muss man wissen: In den vergangen Jahren lag mein Selbstbewusstsein bei gleich 0. Ich glaubte nicht an mich. Sah in jeder Handlung und in jedem Gedanken eine Schwäche. Ich war davon überzeugt, dass meine bloße Existenz allein Grund für den Schmerz anderer sei. Ich hielt mich klein und glaubte, dass ich zu nichts im Stande sei. Mit zunehmenden Erfahrungen, Lektionen und Erkenntnissen lernte ich meine Stärken kennen. Man war ich froh, als ich entdeckte, dass hinter dem Häufchen Elend eine ganz passable intelligente und wunderschöne junge Frau steckt. Von dieser Entdeckung angetrieben lebte ich im Hochmut.

„Nichts, rein gar nichts kann mir etwas anhaben. Ich bin so toll, so stark und so großartig, dass niemand mich mehr brechen könnte oder an mich heran treten könnte.“

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Illustration und Zitat: Latifa Warrelmann

Ich entwickelte mich aus der Asche meiner Vergangenheit heraus zu einem Menschen, der sich plötzlich vollkommen seiner Talente und Fähigkeiten bewusst wurde. Das Fatale daran: entdeckt ein bisher labiler und voller Selbstzweifel geprägter Mensch seine Fähigkeiten, kann es sein, dass er an seiner plötzlichen Stärke zugrunde geht. Ähnlich ist das bei Menschen, die ihr ganzes Leben über in Armut steckten und plötzlich reich werden. Sie haben nie gelernt mit Geld umzugehen und so verlieren sie es im selben Moment, indem sie es erhalten haben. Ähnlich ging es mir mit meinen Stärken. Ich wusste nicht wie ich mit meiner plötzlichen Selbstliebe umgehen sollte, ich wusste nicht wie ich mit meinen liebevollen Beziehungen umgehen sollte.

Wie verhalte ich mich in ehrlichen Freundschaften? Wie begegne ich Menschen, die noch vergleichsweise kaum mit permanenten Leid, Selbsthass und den menschlichen Abgründen in Berührungen gekommen sind? Wie gehe ich mit meiner neuen Perspektive auf das Leben um und wie setze ich meine Weitsicht, Empathie und Talente in verantwortungsbewusst im Alltag ein?

So fühlte ich mich tief in mir verloren, wollte aber diese Gefühl nicht nach außen transportieren. Schließlich glaubte ich, dass dieses Ohnmachtsgefühl mir meine gewonnene Stärke nehmen würde. Ich glaubte, wenn ich die Angst und Verwirrung in mir zulassen würde, würde ich wieder in einen Abgrund der Selbstzweifel und des Selbsthasses fallen. Ich würde all meine Errungenschaften verlieren, würde mich von meinen Beziehungen lösen müssen und letztendlich wieder zu der ängstlichen, depressiven und selbstzerstörerischen Person werden, die ich einst gewesen war.

Diese Angst prägte mein Handeln sowie Denken der letzten Monate und Wochen. Natürlich gestand ich mir das nicht ein und schloss die Angst tief in mein Herz ein. Ganz weit hinter meine Fähigkeiten und Stärken. Ich wollte mich auf das Gute an mir konzentrieren, es pflegen und hegen und somit meine innere sowie äußere Stabilität festigen, um mich irgendwann in aller Kraft meinen Ängsten/Schattenseiten zu stellen.

Der Punkt ist: Das Leben lehrt einen meist auf ungeplanten Wegen – hart, eindrücklich und schmerzhaft.

Gestern mit meiner Freundin unterwegs, besuchten wir einen Freund. Ein spontaner ungeplanter Besuch, der mir meine wahre Angst direkt ins Gesicht schlug. Diese wundervolle Frau – 8 Jahre jünger, als ich selbst – besitzt die Fähigkeit in andere hineinzuschauen. Ich kenne wenige, die diese Fähigkeit auf solch detaillierte Art beherrschen wie sie es tut. Wir sind uns in diesem Punkt sehr ähnlich. Denn auch ich bin in der Lage mit einem Blick, ein paar Worten das Leben einer Person, ihren Geist, ihre Ängste, Sehnsüchte und Wünsche auf ein Tablett zu legen. Mittlerweile geht das bei mir von der Hand. Es passiert automatisch, sodass ich Tag ein Tag aus mit den Sorgen meiner Mitmenschen konfrontiert werde. Fremde Menschen – das ist kein Scherz – erzählen mir auf der Straße von ihrem Leid, hoffen auf meinen Rat und suchen mich sogar immer wieder auf, damit ich ihnen eine klare Sicht auf ihre Dinge geben kann. Mittlerweile ist das so Alltag für mich, dass ich a) glaubte ein Genie in Sachen Menschenkenntnis zu sein und b) davon überzeugt war, dass es niemanden gibt, der an meine Fähigkeiten herankommt. Bis gestern.

Auch hier muss ich dazu sagen: natürlich leben Menschen auf diesen Planeten, die weit aus geübter und erfahrener sind als ich. Die verantwortungsbewusster mit ihrem Talent das Menschliche Wesen zu verstehen umgehen. Jeder von ihnen ist einzigartig und nutzt seine Erfahrungen, um das große Ganze zu sehen. Dabei fallen die Schwerpunkte unterschiedlich aus, was jeden besonders macht.

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Illustration: Latifa Warrelmann

So auch meine Freundin: Sie besitzt die Fähigkeit mittels Beobachtung und rascher Auffassungsgabe das Innerste eines Menschen zu sehen. Auf eine Art, wie ich sie bisher noch nicht erlebt habe. Ich wusste, dass in ihr eine starke, weise, intelligente Persönlichkeit steckt, doch dachte ich, dass diese noch klein ist und sich im Anfangsstadium befindet. Schließlich war ich es bisher, die mit Analysen und Festellengen um die Ecke kam. Aus irgendeinen Grund – wahrscheinlich um mich besser zu verstehen – hat sie sich bisher zurückgehalten. Gestern allerdings brach es aus ihr heraus, als ich sie wieder mit ihren Ängsten und den unangenehmen Seiten konfrontierte. Irgendwas in mir wollte sie provozieren. Irgendwas in mir, wollte diese Stärke, diese Weisheit in ihr zum Vorschein bringen. Also kitzelte ich und bohrte, bis sie zurück feuerte. Plötzlich stand ich im Fokus. Plötzlich war ich es die mit geöffnetem Herzen vor ihr stand. Als wäre sie in meine Seele gefahren holte sie einer meiner größten Ängste zum Vorschein: die Angst, jemand könnte sehen, dass ich mich verletzte, dumm, nutzlos und so gar nicht stark fühlte. Die Angst, jemand könnte erkennen, das ich mich manchmal größer machte, als ich es bin. Dass ich mich manchmal über jemand anderen stellte, um meine eigene Schwächen zu verbergen….

… All das knallte sie mir auf den Tisch. Da da war sie nun meine Angst. Ich spürte wie ich innerlich weinen wollte, wie sich eine aufbrausende Wut in mir auftat. Eine Wut, durch welche ich sie am liebsten gevierteilt hätte.

Wie konnte sie es wagen, mich Latifa so zu entblößen? Wie konnte sie es wagen, mir vor den Augen meines Kumpels meine Schwäche aufzuzeigen und somit meinen so mühevoll aufgebauten perfekten Schein zu beflecken?

„Sie ist keine Freundin. Sie will dir nur schaden.“, begann eine Stimme in mir den aufkommenden Hass gegen Sie zu rechtfertigen. Mit der Stimme ploppte plötzlich ein Bild nach dem anderen auf, das ihre Verfehlungen seit unserer Freundschaft zeigten. „Sie ist schlecht, sie tut nur Böses. Sie ist respektlos und falsch!”, schrie es in mir.

Vor noch wenigen Monaten hätte ich sie aus meinem Leben gekickt und mir eingeredet, ein Leben ohne sie sei sinnvoller. Das ich etwas Besseres verdient hätte, als einen Menschen, der mich scheinbar verletzt.

Ja, vor einigen Monaten in der Phase des Hochmuts hätte ich sicherlich so gehandelt. Heute, jetzt sehe ich das Ganze komplett anders.

Sie hat mich nicht verletzt und sie ist ganz und gar nicht böse. Meine inneren Abwehrmechanismen, also jene die versuchten meine Ängste tief in mir zu bewahren, haben „nur“ auf sie regiert. Mein System sah sie als böse an, als Gefahr, die mein Leben behindert. Dabei reagierte sie nur auf meine Aktion und hielt mir den Spiegel vor die Nase, den ich mit meiner Provokation forderte. Sie tat das Beste, das ein wahrer Freund, ein lieb gesonnener Mensch tun kann. Sie zeigte mir meine Schattenseiten und Ängste auf. Sie zeigte mir meine drückenden Schuhe und schrie in mein Inneres: schau hin! Hier musst du hinschauen.

Ein Mensch ist nur dann in der Lage sich zu entwickeln, wenn er seine Ängste anschaut, sie annimmt und bereit ist sie loszulassen. Das ist immer mit einer Art Schmerz verbunden. Doch anders geht es nicht. Wenn man nicht bereit ist, die drückenden Schuhe auszuziehen, eine Weile barfuß durchs Leben zu schreiten bis man passende Schuhe findet, wird man ständig mit dem Schmerz konfrontiert sein und niemals weit kommen. Wie auch?

Wie soll man mit Schmerzen in den Füßen oder besser gesagt mit Schmerz im Herzen ein glücklicher und in sich befreiter Mensch sein? Wie soll man sich selbst, seiner Umwelt und den Leben offen begegnen, wenn man sich so sehr davor fürchtet sich voll und ganz zu öffnen?

Ein Spiegel zeigt dir nicht nur deine Schönheit, er zeigt dir auch ungeschönt deine Makel. Genau das ist wichtig und wertvoll um klar sehen zu können. Um bei klaren Verstand agieren zu können und mit wachen und verantwortungsbewussten Augen durchs Leben zu gehen.

Auch wenn es Angst bereitet, auch wenn sich das Innere mit Hand und Fuß gegen das „In sich hineinsehen“ wehrt, ist es ein Geschenk von Menschen umgeben zu sein, die diese Angst nach außen transportieren und in dich hineinsehen können.

Peace, Love and Respekt.

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