Es ist mein Ziel, es ist mein Traum! Ich gebe ihn nicht auf!“, sagt die helle fröhliche Stimme. „Ich kann nicht mehr! Das funktioniert doch eh nie!“, sagt die sanfte, ängstliche Stimme wütend.
„Du verrennst dich! Du wirst scheitern! Du musst einen anderen Weg einschlagen!“, sagt die vernünftig klingende Stimme.


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Weitere kontroverse Stimmen gesellen sich dazu. Deine Augen können nicht anders, als sich unweigerlich fest zu verschließen. Mit beiden Händen an den Ohren, versuchst du den Lärm verstummen zu lassen. Vergebens! – Denn selbst der Druck, den du ausübst, bringt sie nicht zum Schweigen. All die unterschiedlichen Meinungen in deinem Kopf und die daraus resultierende Optionen sind einfach zu viel. In einer ruhigen Minute beginnst du dich zu fragen, ob nicht doch in der Stimme der Vernunft die Wahrheit liegt. „Verrenne ich mich gerade?“

Eines ist sicher: jede weitere Minute, in welcher du nicht handelst und beginnst einen anderen Weg einzuschlagen, verrinnt eine Minute, in der du dich fühlst, als sei dein Leben ein einziger Scherbenhaufen. All die Sehnsüchte und Träume, all die Mühen und Zeit, die du bereits investiert hast, all das könnte ein paar Entscheidungen später, in Rauch aufgehen.


Wir alle kennen diese Phasen, diese Phasen der Weggabelungen. Wo die eine Entscheidung zum Untergang und die andere zum Erfolg führt. Welche die glückliche Entscheidung ist, stellt sich meist erst am Ende des Weges heraus. Entscheidungen: sie prägen uns und legen den Verlauf des Lebens fest. Jeder Handlung geht eine Entscheidung voraus.

Brot oder Cornflakes zum Frühstück? Duschen oder gleich schlafen? Noch die E-Mails checken oder sich doch mit Freunden verabreden? Am Sonntag zu den Eltern fahren oder den Tag gemütlich zu Hause verbringen? Das schwarze Hemd oder das rote T-Shirt? Einen Zopf oder offene Haare? Zuhören oder wegsehen?
Einige Entscheidungen treffen wir unterbewusst. Manche fällen wir aus der Situation oder Emotion heraus. Andere treffen wir mit vollkommener Entschlossenheit und Sicherheit. Wieder andere bereiten uns noch lange Kopfzerbrechen, selbst Jahre nachdem wir sie gefällt haben. Egal, wie wir uns entscheiden, sollten wir doch eines immer beachten: Niemals einen Entschluss umsetzen, der sich nicht ganz und gar stimmig anfühlt. Eine Entscheidung die Bauchschmerzen verursacht darf genauer angeschaut und hinterfragt werden. Unwohlsein in Bezug auf Entscheidungen deutet darauf hin, dass sich irgendein Teil in dir gegen den Entschluss wehrt.

Auch der Protagonist der folgenden Geschichte fühlte sich mit so mancher Auswahl unwohl. Zu Recht, denn sie führten in eiskalt in Richtung Obdachlosigkeit.


Mann in der Obdachlosigkeit am Stuttgarter Bahnhof, CrazyLifes Foto. Der Mann sitzt und wartet auf Hilfe.
Foto: tCL

Stuttgart, 29.11.2017 – In einer Selbstbedienungs-Bäckerei treffe ich auf den 76-jährigen Frank. Er ist ein charismatischer Mann und wirkt mit seinem mittellangen, ergrauten, nach hinten gekämmtem Haar, seiner schwarzen Lederjacke und den ausgewaschenen Bluejeans wie ein Senior Mitglied der T-Birds aus Grease. Gealtert mit Stil. Eine Fassade, denn hinter dem coolen Auftritt des 76-Jährigen verbergen sich Spuren. Narben des Lebens, die durch seine fehlenden Zähne in den Vordergrund rücken. Sein intensiver Schweißgeruch deckt auf, was er unter der Lederjacke zu verbergen versucht. Ungeduscht! Nichts weiter als ein Schatten einer Erinnerung sitzt mir gegenüber, denke ich während er von seiner Jugend berichtet. Die 60er-Jahre haben ihn geprägt – ohne Frage – das wird in seinen Erzählungen deutlich. Energisch, mit leuchtenden Augen und einem Lächeln im Gesicht beschreibt er seine Vergangenheit, in der er wie ich finde, stehen geblieben ist.

„Nur logisch“, schießt es mir automatisch in den Kopf. Nach all seinen Erfahrungen, ist die Flucht in die Vergangenheit nur logisch. Er hatte eine grässliche Scheidung durchlebt, an der er viele Jahre innerlich zerbrach. Der Kontakt zu seinen Kindern endete mit der Trennung seiner Frau. Die Mutter seiner Sprösslinge wollte nicht, dass er mit ihnen Zeit verbringt, also konnte er seinem Nachwuchs nur in Gedanken nahe sein. Als die Kinder noch klein waren, sah die Gesetzeslage ganz anders aus. Da wurden einfachheitshalber alle Rechte der Mutter zugeschrieben. Der Vater durfte sich am Unterhalt beteiligen – also Geld zahlen! Als wäre das Familiendrama nicht anstrengend genug gewesen, musste er kurze Zeit später die Selbständigkeit an den Nagel hängen. 20.000 DM Schulden, eine schlechte Auftragslage sowie ein Disput mit der damaligen Arbeitsagentur und einem großen Kunden, machten es ihm unmöglich am Markt bestehen zu bleiben. „Es war eine schlimme Zeit. Zwanzig Jahre habe ich mich damit herumgeschlagen“, erklärt Frank, während er genüsslich an seinem Kaffee schlürft.

Zwanzig Jahre, von denen sich der sympathische Rentner nie wirklich erholte. Obwohl der Start seines Lebens beinahe vorbildlich und glänzend verlief, schien er zur Mitte seines Lebens vom Pech verfolgt. Um die Schulden bezahlen zu können, nahm er Gelegenheitsjobs an. Er nahm, was man ihm anbot und das war reichlich wenig. Traurig, denn nun war er unterbezahlter, qualifizierter Handwerker mit Meisterbrief, der als Hausmeister fungierte. „Das war kein übler Job. Ich lernte viele Menschen kennen und übernahm nach kurzer Zeit Aufgaben, die weit über meine Hausmeistertätigkeit hinausgingen“, erzählte Frank.

Betreuung von Menschen, die in ihrer Wohnung vor sich her vegetierten, das wurde sein Lebensinhalt. Sicherlich ein nervenaufreibender Daseinszweck, aber ein erfüllender. Zumindest für eine gewisse Zeit. Die ersten Selbstmorde in den Sozialwohnungen machte die Betreuung der verkümmernden Bewohner unmöglich, weshalb er sich zurückzog und die Stelle wechselte.

Die anschließende und bisher letzte Arbeitsstelle brach ihm das Genick. Wieder war er als Hausmeister angestellt und durfte in einer, für die Stelle vorgesehenen, Wohnung leben. Das funktionierte eine Weile gut, bis es zu Konflikten zwischen ihm und dem Arbeitgeber kam. Diese endeten in einer Räumungsklage. Frank bleibt noch bis Januar Zeit, um eine neue Bleibe zu finden. Erwünscht ist er in der Hausmeisterwohnung nicht. Die seit ein paar Wochen defekte Dusche, wird nicht repariert und auch die Heizungen funktionieren nicht. Das ist egal, denn Frank muss raus. Ein Appartement in einem Seniorenheim kommt für ihn nicht infrage. „Da müsste ich mich verbiegen und nach den Regeln leben. Das ist nicht meins. Ich fühle mich noch jung und möchte meinen Alltag selbst planen“, erklärt Frank.

Doch was macht ein 76 Jahre alter Mann, der für den Arbeitsmarkt zu alt ist, von der Rentenkasse wenig sieht, nicht krankenversichert ist, kaum noch täglich essen kann, manchmal sogar wochenlang keine feste Nahrung zu Gesicht bekommt, alleine lebt und dem sein letztes Erspartes (4500 €) gestohlen wurde?

Frank  bleibt zuversichtlich und voller Hoffnung. „Wissen Sie, ich habe bereits viel erlebt. Meine Zähne sind mir ausgefallen, weil ich an einer Art Skorbut litt, ich wurde von Betrügern bestohlen und man hat mir vor kurzem mein letztes Geld abgezockt und das sind nur die Dinge, die nicht so wild waren. Ich bin Christ und glaube an das Gute und natürlich an die Frauen. Sie geben mir Kraft. Ich habe einige freundschaftliche Beziehungen zu Nonnen in der Umgebung, die mir immer wieder ein Lächeln schenken, mich motivieren und Kraft geben“, sagt Frank und lächelt dabei selber.

Wie kann es sein, dass ein Mensch der viel gab, der sich immer wieder für andere schon beinahe aufopferte, der hart gearbeitet hat, zum Ende seines Lebens vor dem Nichts steht? Alles was ihm noch bleibt sind seine Träume. Sie hatte er bereits in seiner Jugend. Da träumte er davon, ein Fahrzeug zu entwickeln, das ohne Kraftstoff fährt. Einen Prototyp hatte er längst entwickelt. Dieser steht aber mit seinem anderen Hab und Gut in einer Halle, die bald auch leergeräumt wird.

„Meine Eltern haben mir folgendes mitgegeben: Wenn du helfen kannst, dann hilf! Nach dieser Philosophie habe ich gelebt. Doch leider ist Undank der Welten Lohn und auch ich nicht immer vernünftig gewesen. Es gab oftmals Lebenslagen, wo ich eine andere Richtung hätte einschlagen sollen. Da war ich selbst zu riskant und habe alle guten Ratschläge ignoriert. Außerdem habe ich immer versucht, alleine durchzukommen. Ich wollte niemanden belasten oder zu nahe treten. Da gab es rückblickend gesehen einige Fehler“, erklärt Frank ehrlich.

Es dauert einen Moment, bis ich mich bei dem 76-jährigen Hobbyingenieur für das nette Gespräch bedanken kann, denn ich bin in Gedanken versunken.

Habe ich es selbst in der Hand, ob ich am Ende meiner Tage mein Leben alleine auf der Straße verbringe oder in einem gemütlichen Häuschen umringt von meinen Lieben? Oder bin ich doch nur ein Opfer meiner Umwelt? Schließlich passieren manche Dinge, ohne dass ich sie beeinflussen könnte, nicht wahr?

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Frank und Sahra-Latifa A. Warrelmann an der Olgastraße in Stuttgart    Foto: tcL

Ich reiche Frank zum Abschied die Hand und schenke ihm als kleines Dankeschön einen Sportbeutel voller warmer Kleidung, den ich gemeinsam mit meiner Schülerpraktikantin bemalt und hergestellt habe. Er freut sich und zeigt mir noch einmal sein Lächeln.

Auf dem Heimweg begleiten mich Frank und seine Geschichte. Hätte er ein paar Entscheidungen anders gefällt, könnte er heute vielleicht mit dem Ausbau seines Solarmobils fertig sein. Vielleicht hätte ich in Fachzeitschriften Artikel von seinen neuen Forschungsergebnissen gelesen und hätte ihn heute wegen seiner medizinischen Errungenschaften interviewt. Es hätte anders sein können. Doch das ist es nicht. Er ist es nicht. Frank, ein 76 Jahre alter Mann, dem nichts weiter bleibt als seine Träume. So kann ich für ihn nur hoffen, dass er seine zukünftigen Entscheidungen mit Bedacht fällt und die letzten Jahre seines Lebens wieder zum Erfolg werden.

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