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Sie sehen in meine Augen und urteilen über mich, sie sehen in meine Augen, doch sie sehen mich nicht.

Heute war ich mit 3 Jugendlichen unterwegs. 2 junge Mädchen im Alter von 15 und 16 Jahren und ein junger Mann im Alter von 20 Jahren. Alle drei leiden unter dem Verhalten ihrer Eltern. Verwahrlosung, fehlende Liebe und vollkommene Ignoranz prägen ihren Alltag.

>>Meine Mutter ist depressiv, mein Vater Alkoholiker!<< erzählte der junge Mann.

>>Meine Mutter schlägt mich. Sie sagt jetzt bin ich in dem Alter, indem man seine Kinder schlagen kann. Sie kocht mir kein Essen, nur dann wenn sie von einem Mann Besuch bekommt. Sie schenkt mir keine Liebe und sagt ich sei hässlich.<< berichtete das 15 jährige Mädchen.

>>Und, meine Mutter leidet unter ihrer eigenen Geschichte. Ihre ersten Worte, am Morgen lauten: Du bekommst kein Geld! Obwohl ich nicht mal danach fragte. Ich habe einfach nur den Tisch gedeckt. Einfach nur für uns Frühstück gerichtet, weil ich uns etwas Gutes tun wollte. Guck mal Latifa, ich habe keinen Vater – na ja schon, doch er meldet sich nicht. Nur dann wenn ihm der Sinn danach steht. Ich habe keine Familie, die mich auffängt und auch keine Familie, die mir sagt, dass sie mich liebt. Ich ritze mich, weil ich mich schlecht fühle. Weil ich keinen Grund darin sehe weiter zu leben. Wie auch? Wenn dir jeden Tag jemand sagt, – und nicht einfach irgendjemand, sondern deine Familie – dass du dies schlecht machst und zu jenem nicht fähig bist, wie sollst du dann an dich glauben? Ich weiß, dass meine Arme schrecklich aussehen. Ich weiß, dass meine Augen Leere ausstrahlen, doch was soll ich tun? Bitte ich jemanden um Hilfe, sieht man mich nur an, schaut auf meine Klamotten herunter, schaut auf meine Arme und stempelt mich als asozial ab. Mir will keiner helfen. Jeder ist mit seinen Problemen beschäftigt, jeder hat zu viel zu tun. Aber, was soll ich tun?<<, sagt das 16 jährige Mädchen emotionslos.

Ich stehe zwischen den jungen Leuten und beginne zu weinen. Es sind Tränen der Trauer, die fließen. Tränen, die meine Ohnmacht beschreiben und ihre Verzweiflung sichtbar werden lassen.

Ich schaue die Drei an und mir schießen Erkenntnisse durch den Kopf, die folgendes beschreiben:


Es gibt so viele Eltern auf dieser Erde, die ihre Kinder für ihr Fehlverhalten kritisieren. Sie anschreien, weil sie Drogen konsumieren, sie schlagen, wenn sie unangebrachte Kleidung tragen. Sie niemals loben oder ihnen mitteilen, dass sie stolz auf sie sind. So viele Eltern, die ihren Kindern von Beginn an das Gefühl geben: du bist nur deshalb auf dieser Welt, weil ich zu doof, zu naiv oder zu voll von Problemen war, sodass ich nicht auf meine Verhütung geachtet habe. Du bist nur auf dieser Welt, weil ich jemanden brauchte. Weil ich ein Loch in meinem Herzen trage, von dem ich dachte, dass ich es durch die schließen könnte.

Jugendliche Wachsen, Kunstbild und Zitat
Design: Latifa Warrelmann

Das Problem an dieser Geschichte ist, dass die kleinen Wesen das Loch der Eltern nicht schließen, sondern es lediglich sichtbar werden lassen.

Kinder sind das Spiegelbild ihrer Eltern. Sie ahmen das Verhalten, die Glaubenssätze und Gedankenmuster ihrer Eltern nach. Wenn ein Vater oder eine Mutter sein Kind für sein Verhalten und Denken kritisiert, es vernachlässigt oder misshandelt, dann agieren sie nur deshalb so hart, weil sie mit sich selbst ins Gericht gehen. Das heißt, sie misshandeln sich in erster Linie selbst. Das fatale daran ist. Ein Kind kann nichts für seine Eltern. Ein Kind wünscht sich für seine Eltern nur das Beste. Es würde seiner Familie bis zu einem gewissen Alter niemals freiwillig schaden. Es möchte seine Eltern nicht enttäuschen oder ihnen im Wege stehen. Es möchte seine Mutter und seinen Vater lieben. Bekommt es keine Liebe zurück, dann rebelliert es, wird in sich gekehrt oder beginnt sich selbst zu verurteilen und zu hassen. So gelangt es an Alkohol, Zigaretten sowie anderen Drogen und an Menschen die sein innerstes Gefühl durch Gewalt bestätigen.

Ein Mädchen, das von seiner Mutter/einem Vater nicht geliebt wird und ständig Kritik zu Hause erfährt, wird höchstwahrscheinlich in eine Partnerschaften geraten, wo es geschlagen, gedemütigt, belogen und betrogen wird. Auch, wenn das Mädchen weiß, dass es eigentlich Liebe verdient, bleibt es bei diesem Partner, weil es keine andere Form von „liebevollen“ Beziehung kennt.

Ein trauriges Schicksal, das so viele ihres nennen können.

Ebenso geht es einem Jungen, der nie Liebe erfuhr. Auch er wird zu einem kalten Mann heranwachsen, der mit seinen Frauen kühl und respektlos umgeht. Der die Frauen wechselt wie Unterhosen. Dabei immer auf der Suche nach einer Frau, die ihm die Liebe sowie den Respekt gibt, den er eigentlich von seinen Eltern wünscht. Aber auch hier wird er unfähig sein, solch eine Liebe zu erhalten. Warum?

Selbst, wenn er oder sie einen Partner finden würde, der sie aufrichtig liebt, könnte er oder sie niemals in der Lage sein, diese Liebe zu schätzen oder anzunehmen. Denn, in den Köpfen der geschädigten jungen Menschen herrscht der Glaube: ich bin nichts wert. Ich habe keine Rechte. Ich bin nicht liebenswert. Dieser Glaube führt dazu, dass ein im Mangel erzogener Mensch niemals Liebe von außen annehmen kann. Er glaubt nicht an die Liebe und gerät vollkommen aus der Fassung, wenn er ihr doch begegnet. So reagieren Kinder – unsere späteren Erwachsenen – die bei geschädigten Menschen aufgewachsen sind auf Liebe oder guten Willen mich Skepsis, Schuldgefühlen, Angst und Ablehnung. Schenkt man ihnen Liebe so fürchten sie diese und glauben, dass diese Liebe an etwas gebunden sei. Sie glauben, dass gute Menschen lediglich im Film und Fernsehen existieren, weshalb sie selbst asozial agieren.

Jugendliche, Sprüche
Design: Latifa Warrelmann

Wie auch? Sie haben es nicht anders gelernt. Wie kann ein Mensch gütig agieren, wenn er nicht weiß, was es überhaupt bedeutet oder, wie man es lebt?

Diese drei Jugendlichen werden von so vielen Menschen auf der Straße mit herabwürdigen Blicken betrachtet. Man meidet sie und sagt ihnen nach, kein guter Umgang zu sein. Man lehnt sie ab und möchte sie auf keinen Fall in die Gesellschaft integrieren. Sie machen nur Probleme, heißt es. Dabei sind es nicht sie, die die Probleme verursachen, sondern all die Erwachsenen Menschen, die ihr Herz vor ihnen verschließen. Diese Jugendlichen, wie so viele Millionen, ja gar Milliarden auf dieser Welt machen keine Probleme, sie zeigen nur, wo genau der Schuh der Gesellschaft drückt. Während ein Großteil der Gesellschaft seine Augen vor den traurigen Schicksalen verschließt – die wir alle zu verantworten haben – zeigen gerade unsere Jugendlichen, dass Heuchelei zum Alltag von vielen gehört.

Denn, es ist nicht alles gut. Es ist nicht alles wunderbar. Es ist nicht alles perfekt. Egal wie viele Selfies wir posten, auf welchen wir Lächeln und einen kleinen Teil unserer scheinbar perfekten Welt teilen, wischen diese, die zahlreichen traurigen Schicksale nicht einfach weg. Egal wie viele „Interior-Fotos“ wir posten, von unseren Wohnungen, die einem Werbebild aus dem Katalog gleichen, können wir die vielen Familiendramen dahinter nicht verbergen. Wir können nicht so tun, als ob unserer Fake-Grinsen und unsere für die Online-Welt gestellten Leben den Norm widerspiegeln.

Denn, egal wie sehr wir auch versuchen, eine Scheinwelt aufrecht zu erhalten und allen vor zu machen, dass doch alles so wunderbar scheint und jene die nicht in der Lage sind, diesen Schein aufrecht zu erhalten zu verteufeln, wird unsere so furchtlose Jugend, die keinen Blatt vor den Mund nimmt, immer wieder durch ihre Rebellion den Finger auf das Leben hinter der Leinwand richten.

Wir können nicht ignorieren, dass Menschen auf diesem Planeten verweilen, die unter den falsch laufenden Systemen leiden. Wir können nicht ignorieren, dass Menschen sich selbst schaden und sich nach dem Tod sehnen, weil wir nach vorne hin alle Solidarität und Gemeinschaft heucheln, doch im Persönlichen Kontakt oftmals kühl, respektlos und abweisend regieren. Wir können nicht ignorieren, dass Menschen verletzt werden, durch scheinbar unwichtige Worte oder Handlungen, die für einen selbst normal sind, aber so viel Leid verursachen. Dass wir Menschen verletzen, weil wir achtlos und kopflos durch das Leben gehen. Dass wir Menschen verletzen, weil wir über sie urteilen ohne eine Moment innen gegangen zu sein und zu überlegen, welche Schicksal diesen jemand begleitet.

Doch all das tun wir ständig, weil der Großteil der Gesellschaft selbst einmal zu den Kindern zählte, die ignoriert wurden, die verletzt wurden, die misshandelt wurden und denen man keine Aufmerksamkeit schenkte. Zu den Kindern, die zu Erwachsenen heranwuchsen und kopflos das Fehlverhalten ihrer Eltern weiterführten. So glauben so viele im Recht zu liegen, wenn sie einfach inmitten eines Gesprächs aufstehen. Wenn sie einfach schreien, weil sie nicht mehr weiter wissen. Wenn sie ihrem Gegenüber sagen, dass er/sie, es eh zu eh nichts bringen wird und wenn, sie ihrer Umwelt Gewalt zufügen, weil sie glauben, dass nur so ihr eigener Wille durchgesetzt werden kann, oder so ihr tief sitzender Schmerz vergehen wird.

Hinsehen, hinschauen Jugendliche
Design: Latifa Warrelmann

Die Löcher, die in so vielen Menschen klaffen, verschwinden nicht durch Gewalt. Sie verschwinden nicht, indem man beginnt kalt zu werden und sie verschwinden auch nicht, wenn man sich größer stellt und wichtiger macht, als das schwächste Mitglied einer Familie, Gemeinschaft oder Gesellschaft. Diese Löcher verschwinden erst dann, wenn man beginnt zu verstehen, dass die Umwelt nur ein Spiegel seiner selbst ist. Dass wir Menschen auf das Verhalten anderer reagieren. Dass wir böse werden, wenn ein anderer uns einst böse behandelte oder immer noch böse behandelt. Dass wir abfällig werden, wenn wir respektlos empfangen werden, dass wir Hass aussenden, wenn wir Hass ernten.

Die Löcher in uns beginnen sich zu schließen, wenn wir hinsehen und anfangen zu verzeihen. Wenn wir anfangen zu lieben und unsere Fehler einsehen auch, wenn das bedeutet durch Schmerzen zu gehen. Doch seien wir beruhigt, denn egal wie schwer das Leid sein mag, egal wie höllisch es schmerzt, wird der Schmerz zu ertragen sein, wenn wir erkennen, dass wir mit alledem nicht alleine sind. So können wir beginnen einander zu unterstützen und uns durch die Hölle begleiten. Sodass wir mit blauen Flecken – die irgendwann heilen – durch die Hölle voll Schmerzen gehen, anstatt in ihr wegen unseres Stolzes darin gefangen zu sein.

Ich wünsche mir, dass wir in Zukunft den Menschen offen begegnen. Dass, wir ein Mädchen oder einen Jungen, die wir mit Alkohol und Drogen an der Straßenecke sehen nicht verteufeln, sondern mit Liebe begegnen, weil wir wissen, dass diese armen Seelen schon genug gestraft sind. Jedes böse Blut, dass wir gegen die vermeintlich schlimme Jugend hegen, ist böse Blut, dass wir an uns selbst richten und somit unsere Herzen erkalten lassen. Diese Jugend, zeigt uns unsere Fehler auf. Diese Jugend gehört nicht in Anstalten, nicht in Heime und auch nicht hinter Gittern. Diese Jugend, gehört in die Arme ihrer Eltern, ihrer Familie und Nachbarn, die einsehen, dass sie es sind, die sie in den Abgrund getrieben haben. In die Arme der Menschen, die ihre Laster fallen lassen, zugeben, dass sie mit sich selbst und ihren Gefühlen überfordert sind, dass sie sich vor den ehrlichen und direkten Worten der Jugend fürchten, weil sie es sind die ihnen ihre Fehler aufzeigen. Diese Jugend gehört in die Arme geläuterter Erwachsene, die beginnen ihre Herzen mit Liebe zu füllen und diese Liebe weitergeben an eine Jugend die bereits schon vor Jahrhunderten aufgegeben hat. An eine Jugend, die mit jeder Generation neu geboren wird und jedes Mal aufs neue erfahren muss, dass der Mensch schon seit Platon nicht lernte sein Herz zu öffnen, sondern sich immer noch über die „gescheiterte“ Jugend beklagt.

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