Schnipp, Schnapp, Penis ab, heißt es in der Urologischen Spezialklinik München-Planegg. Dort kommt die 27-jährige Winzermeisterin, ihrem großen Traum vom Frau sein, ein Stückchen näher.

Simona Aurelia Maier ist 1,87 groß, blond und erhellt mit ihrem Lächeln den Raum. Sie wurde aus ihrer Sicht, mit dem falschen Geschlechtsteil geboren. Schon von Kindesbeinen an, fühlte sich die junge Winzermeisterin als Frau.
In der Schule spielte sie lieber mit Mädchen, interessierte sich fürs Reiten und konnte die Jungen – wie alle Mädchen im Schulalter – so gar nicht leiden. Für die Jungen in ihrer Klasse war Simon (so nannte man Simona vor ihrem Outing) befremdlich, da er sich nicht wie ein klassischer Junge verhielt. Auch die Mädchen hielten mit Beginn der Pubertät Abstand von dem Jungen, der sich als Mädchen empfand. Sie sahen in ihm – wie soll es auch anders sein – einen Jungen. Diese hatten in einer Mädchengruppe rein gar nichts zu suchen, auch wenn sie sich für dieselben Themen interessierten. Für Simonas Umfeld war klar: sie ist ein Junge und sollte sich auch dementsprechend verhalten.

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Simona Maier bei einem Fotoshooting
Foto von: Kamil Pielka Photography

Es ist eine merkwürdige Situation für das Umfeld, wenn sich ein Mensch atypisch verhält. Jungs sollten sich raufen, Fußballspielen, Hosen tragen und sich dreckig machen, während Mädchen anmutig in ihrer Glitzerwelt mit pinken Kleidchen herumstolzieren. Die Rollen sind klar aufgeteilt, etwas dazwischen oder gar etwas ganz anderes, gibt es in den konservativen Denkstrukturen nicht. Schon gar kein Junge, der ein Mädchen sein möchte oder sich als eines empfindet. Das käme einem Dunkelhäutigen gleich, der durch chemische Prozesse versucht hellhäutig zu sein, weil er sich als „Weißer“ empfindet.  Das gibt es nicht! Das geht nicht! Oder etwa doch?

Fünfundzwanzig Jahre dauerte es, bis Simona sich dazu entschied, mit ihren Gefühlen an die Öffentlichkeit zu treten und sich als Frau zu outen. Kein einfacher Schritt für den in der Winzerbranche etablierten Simon, den man als trinkfesten Mann kannte, der auch Beziehungen zu Frauen führte. Dass aus Simon, Simona mit langem Haar, Brüsten und im „schlimmsten“ Fall einer Vagina wird konnten oder wollten zu Beginn die wenigsten tolerieren oder ausmalen. Man hatte sie ausgelacht, gehänselt, gemieden und sie für verrückt erklärt. Einige Menschen verbrachten sicherlich Stunden damit die Ursache ihres Wandels zu ergründen. Ist etwa eine traumatische Kindheit, zu wenig Aufmerksamkeit und Bestätigung oder vielleicht doch eine psychische Erkrankung der Grund für Simons Entschluss?

Nichts der Gleichen bewegte die junge Frau sich voll und ganz zu akzeptieren.
„Ich habe mich schon immer als Mädchen/Frau gefühlt. Allerdings gab es Phasen in meinem Leben da konnte ich einfach nicht die Person sein, die ich im inneren immer war und bin. Als Kind wusste ich nicht was es bedeutet, sich zu outen. In der Jugend hatte ich nicht den Mut zu mir zu stehen. Als junge Erwachsene, fühlte ich mich nach dem Tod meines Vaters gezwungen, die Männerrolle einzunehmen. Es fehlte der Mann im Haus, der ich anatomisch gewesen bin. So übernahm ich die Rolle meines Vaters. Ich wollte sein Erbe, also die Weinmanufaktur übernehmen und leiten. Als Mann, wie es in seinem Sinne gewesen wäre. Ich glaubte als körperlicher Mann könnte ich meinem Vater gerecht werden. Fehlanzeige, denn ich verdrängte dadurch nur mein eigentliches Ich und stellte es beiseite“, erzählte Simona im Gespräch.

Mit der Zeit aber wuchs der innere Druck und Simon konnte sich nicht länger verstellen, um in der Gesellschaft, wie auch der Weinbranche akzeptiert zu werden. Also blieb dem jungen Mann nur noch eines übrig: das Outing. Simon bzw. Simona blieb keine andere Wahl, denn weiteres Vortäuschen hätte nur zu Depressionen, Unzufriedenheit oder im schlimmsten Fall Suizidgedanken geführt …


Reflexion – Versuche dich in Simonas Haut zu versetzen, bevor du weiterliest.


So wie es dir in deiner Vorstellung ging, geht es auch Simona Aurelia Maier, die sich selbst immer als Frau sah und davon träumte, irgendwann im Spiegel keinen Mann, also Simon, sondern Simona sehen zu können. Diesem Traum ist sie am 26.04.2018 näher gekommen.

Die zuvor frisch gekrönte Weinprinzessin, ist vollkommen entspannt, als ich sie ein Tag vor der Operation in der urologischen Klinik in München-Planegg antreffe. Dass für sie ein Traum in Erfüllung geht und die nächsten Tage in der Klinik kein Krankenaufenthalt, sondern eine Wunscherfüllung ist, kann man schon an der Tür zu ihrem Zimmer erkennen. Dort begrüßt ein freundliches Plakat, das sie und eine gute Freundin zeigt – welche gemeinsam mit ihr den Schritt zur sogenannten Mann-zu-Frau-OP wagt – die Besucher. „Hanni & Nanni“, nennen sie sich. Ein Dreamteam, das sich gegenseitig stärkt und ausgleicht. Zusammen wagen sie den Schritt in ein neues Leben und erzählen offen von ihren Bedenken, Vorbereitungen, Ängsten und Erwartungen.

Sofort ist klar: hier sitzen Frauen, deren Entscheidung keine Hauruck-Aktion war, sondern wohlüberlegt ist. Sie haben sich intensiv mit den Risiken, mit den möglichen Komplikationen und bevorstehenden Veränderungen auseinandergesetzt und wissen, dass ein Zurück nur unter schweren Bedingungen möglich ist und es dennoch niemals wieder so sein wird wie früher.

Seit einem Jahr sind die beiden in therapeutischer Behandlung. Die Psychologische Begleitung gilt als Voraussetzung, für die Anerkennung zur Frau. Zusätzlich bekommen sie seit etwas mehr als zwölf Monaten Hormone, die das Testosteron blocken und Östrogen in ihren Körpern freisetzen. Eine zweite Pubertät wurde dadurch bei beiden freigesetzt. Diese führte zum Wachstum der Brust, weiblicheren Gesichtszügen wie auch zu Stimmveränderungen. Natürlich gehören auch Stimmungsschwankungen dazu, die gerade bei Frauen ganz normal und Teil des Alltags sind.

Eine ganz neue Erfahrung für Frauen in dem Körper eines Mannes. Plötzlich können Gerüche intensiver wahrgenommen werden und manche Körperstellen sind sensibler als vorher. Auch die gustatorische Wahrnehmung, also das Schmecken, hat sich während der Hormonbehandlung bei Hanni und Nanni verändert.

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Im Gespräch packt Simona eine Schachtel Dilatoren aus. Verwundert schaue ich den Pappkarton, gefüllt mit fünf bunten Dildo-ähnlichen Stäben und einer Tube Gleitgel, an. Im Kopf rätsle, ob es sich bei den Stäben um ein Sexspielzeug oder tatsächlich Dehnungshilfen handelt. Ich könnte mir gut vorstellen, dass diese bunten „Stifte“ auf den Onlineshoppingseiten ein voller Hit wären. Es handelt sich um Bougie-Stifte, erklärt Simona, die sicherlich mein rätseln bemerkte. Sie werden in die sogenannte Neovagina eingeführt und wie bei einer Ohrlochdehnung getragen, um eine gewünschte Größe des Scheideneingangs zu erzeugen.

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Bunte Dilatoren von Vagiwell, ansehnlich und perfekt für die Dehnung der Neovagina.

Das verhindert, dass der Scheideneingang verengt oder verwächst. Ich bin vollkommen hin und weg von den Möglichkeiten der heutigen Medizin und erstaunt darüber, was es alles so gibt. Dilatoren – interessant. Damit darf sich Simona die nächsten Tage, Wochen und Monate auseinandersetzen. Mit Dilatoren, dem Pinkeln, Laufen, ihrem neuen Geschlechtsorgan, Hormonumstellung, neuen Reizen und so vielem mehr.

Die beiden Frauen im Männerkörper wirken so aufgeklärt von der weiblichen Anatomie und allgemein das „Frausein“, dass ich hin und wieder fürchte, mit meinem eigenen Geschlecht gar nicht so wirklich vertraut zu sein.

Was bedeutet es eigentlich, Frau zu sein? Was ist es, das mich zur Frau macht?

Ist es meine Periode, sind es die Hormone, die Tatsache, dass ich Kinder gebären kann, lange Haare trage und mit meinen Brüsten Kinder nähre? Bin ich eine Frau, weil ich hübsch lächle, die Männer mit Rehaugen verzaubere und einen Hüftschwung hinlege, der einen ganzen Saal zum Sabbern bringt? Was macht das „Frausein“ eigentlich aus?

Oder anders gefragt: Wodurch kann ich mich als Frau identifizieren, wenn es nicht mein Körper ist?

Mit diesen Gedanken im Kopf verabschiede ich mich von Simona und ihrer ebenso reizenden Freundin Johanna. Ich wünsche Ihnen viel Glück bei der morgigen Operation und den letzten Vorbereitungen. Zum letzten Mal sehe ich im Körper eines Mannes.


Der nächste Tag
Wenige Stunden nach der Mann-zu-Frau-OP

Wie bereits gewohnt, empfängt mich Simona – trotz heftiger Schmerzen – mit einem mitreisenden herzlichen Lächeln. „Ich bin wieder fit!“, sagt sie tapfer und freudig, dabei strahlend wie ein Honigkuchenpferd. Sie wirkt glücklich, zufrieden und irgendwie auch erleichtert, obwohl sie offensichtlich erschöpft ausschaut. Die OP ist gut verlaufen, wo einmal Penis war, befindet sich nun eine blutende Neovagina. Für mich kein ungewohnter Anblick des Meisterwerks. Eine vom Blut besudelte Vagina erlebe ich seit Jahren mindestens einmal im Monat. Dennoch erstaunt mich erneut die chirurgische Kunst und der Stand der aktuellen Medizin.

Man hatte tatsächlich aus ihrem Penis und der umliegenden Haut eine funktionierende Vagina geformt, die anatomisch perfekt ist. Was für eine Leistung! Immer noch vollkommen hin und weg frage ich sie nach ihrem Befinden. Sie berichtet von einem Traum im Aufwachraum, von der Narkose, die relativ schnell wirkte und der falschen Anweisung auf ihrer Patientenakte. Dort hatte man eine Frau-zu-Mann-OP festgehalten. Der Fehler wurde schnell behoben, als ihre Freundin Johanna ihn bei der Pflege mitteilte.

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Wie gewohnt zeigt sich die taffe Simona Maier mit einem Lächeln.  Foto. tcl

Die Sonne scheint auf ihre nackte Brust und auf ihr leuchtendes Gesicht. Durch das Licht funkeln ihre Augen. Sie sieht glücklich aus. Erschöpft aber glücklich. Während ich sie betrachte, schießt mir ein Gedanke durch den Kopf, den ich ihr sofort mitteile. „Du bist wunderschön und ich bin wahnsinnig stolz auf dich!“, sage ich. Selten begegnen mir Menschen, die bereit sind für ihren Traum zu bluten. Die bereit sind alles bisher geschaffene niederzureißen und darauf etwas neues zu bauen. Dazu gehört eine menge Mut und unglaublich viel Kraft. Es ist nicht einfach, sich vor sein Umfeld zu stellen und zu sagen: „Hey das bin ich jetzt! Nimmt mich an, wie ich bin oder geht!“ Es ist nicht einfach, sich in einer Gesellschaft zu behaupten, in der vollkommen andere Normen und Richtlinien herrschen und man selbst eher zur Minderheit zählt. Es ist nicht einfach, gegen den Strom zu schwimmen und dabei erfolgreich, ja sogar glücklich zu sein. Simona Aurelia Maier aber, hat es geschafft. Sie führt einen gut laufenden Betrieb, wurde zur Weinprinzessin gekürt, kommt um die Welt, sieht gut aus und strotzt nur vor Selbstbewusstsein. Erstaunlich, denn vor nicht einmal drei Jahren konnte sie ihr eigenes Spiegelbild nicht betrachten.

Auch wenn der sympathischen Kurpfälzerin noch ein paar Etappen bevorstehen, konnte sie in den letzten Jahren bereits den Grundstein für ihr neues Leben setzten. Heute darf sie mit dem Aufbau beginnen und sich an den Grundmauern erfreuen. Es dauert nicht mehr lange, bis sie sich zurücklehnen kann und die Früchte ihrer Arbeit genießen darf. Bis dahin heißt es noch ein wenig bluten, kämpfen, bauen, fallen und wieder aufstehen. Ich bin mir sicher, dass Simona auch diese Hürden meistern wird, schließlich leidet sie für ihren Traum.
Lohnt es sich nicht, dafür Strapazen auf sich zu nehmen? Lohnt es sich nicht, dafür viel zu riskieren, als am Ende viel zu bereuen?

 

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