Schutzmechanismen gehören zum Menschen wie auch das Atmen. Wie sie entstehen und weshalb es wichtig ist, seine eigene Geschichte näher zu betrachten, erfahrt ihr in diesem Artikel.

Wir sprechen Tag ein Tag aus über kaum etwas anderes, als die Optimierung von Firmen, Politik, Gesellschaften, Systemen, Tieren und Menschen. Ständig sind wir dabei auf der Suche nach der ultimativen Lösung für die vielen Probleme, die in uns stecken. Da ein Fehler, hier ein Makel, doch letztendlich bleibt nichts gut genug, um einfach nur bestehen zu können. Dabei wäre es wichtig, zu sehen, wie die Makel zustande gekommen sind und diese dann zu akzeptieren.


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Marlene Steiner (58) und Stefan Steiner (60) feiern in wenigen Tagen ihren 40. Hochzeitstag. Gemeinsam mit ihren drei Kindern Lene (38), Martin (34) und Nala (30) richten sie die alte Scheune für die große Feier her. Ein paar Schleifchen dort, ein paar Ballons da und ein paar hübsche Steinchen auf den Tischen. Während sie alle mit ihren Aufgaben beschäftigt sind, sucht Martin nach einem Besen. Er ist zu faul, um einen aus dem Haus zu holen, also sucht er in einem kleinen Abstellraum hinter der Bühne danach. Doch anstatt eines Besens findet er einen Karton mit alten Fotoaufnahmen. Begeistert ruft er aus dem Kämmerchen: „Schaut, was ich gefunden habe!“

Die Familie setzt sich an einen der dekorierten Tische. Vater und Mutter nehmen behutsam die bereits vergilbten Fotos aus dem Karton, während die Kinder neugierig auf die dahinter verborgenen Geschichten warten. Das erste Bild zeigt Marlene Steiner im Alter von 5 Jahren.

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Fotos aus alten Zeiten.  Foto: Igor Ovsyannykov

„Mama bist du das?“ „Oh ja, das war ein paar Tage nach meinem Geburtstag. Ich erinnere mich genau an die Zeit. Vater war wochenlang abends erst spät nach Hause gekommen. Er musste viel arbeiten. Doch an diesem Tag versprach er früher zu kommen, um mit mir meinen Geburtstag zu feiern. Ich wartete stundenlang auf ihn. Als ich schon beinahe aufgegeben hatte – es war bereits abends – klopfte es an der Tür und Vater kam herein. Wie sehr habe ich mich gefreut. Doch der Abend wurde zum blanken Horror. Mein Vater war wütend. Irgendwas hatte ihn auf der Arbeit gestört. Meine Mutter war erschöpft und angeschlagen, sodass sie kaum Zeit hatte die Wohnung aufzuräumen oder das Essen fertig zu kochen. Das passte meinen Vater überhaupt nicht. Er war es gewohnt, nach seinem Feierabend in ein ruhiges Haus zu kommen. Wir Kinder schliefen bereits und das Essen stand gerade fertig geworden nur für ihn auf dem Tisch. Doch weil es mein Geburtstag war, erlaubte meine Mutter, dass wir auf ihn warteten und gemeinsam aßen. Vater jedoch hatte meinen Geburtstag vergessen. Er zog scheinen Schuh aus, warf ihn uns Kindern entgegen und brüllte, dass wir bei drei in unseren Betten sein sollen. Ich weinte fürchterlich, schließlich wollte ich mit ihm feiern. Meine Mutter versuchte ihn zu beruhigen und ihm zu erklären, weshalb wir noch wach seien, doch Vater wollte nichts davon hören. Er schubste sie in die Ecke, zog seinen Gürtel aus und drohte uns mit Schlägen, wenn wir nicht sofort ins Bett gehen. Das taten wir dann auch. Die ganze Nacht weinte ich. Am nächsten Tag sprach ich kein Wort. Das tat ich immer, wenn es zu Hause laut wurde. Es wurde zu einer Art Schutzfunktion. Gab es Ärger blieb ich oft tagelang Stumm und rührte mich kaum einen Meter! Ich versuchte niemanden zu stören und kaum aufzufallen. Denn wenn es mich nicht gab, konnte ich nichts anstellen und wenn ich nichts anstellte, konnte ich weder für etwas verantwortlich gemacht werden noch Unruhe verursachen. Ein paar Tage später, es war ein Sonntag, stand mein Vater vor meinem Bett. Er weckte mich sanft und sagte: Alles Gute zum Geburtstag liebe Marlene, hier dein Geschenk. Es war eine Puppe, meine erste Puppe.″

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Für Marlene, war die Puppe ein besonders Geschenk. Sie trocknete ihr im Nachhinein die Tränen. Foto: tCl

„Das klingt nach keinem schönen Geburtstag Mom“, sagte Nala. „Hat dein Vater sich denn nie dafür entschuldigt?″ Marlene lacht. „Wisst ihr Kinder, früher lebte man nach ganz anderen Glaubenssätzen. Damals glaubte man, man müsse seine Kinder züchtigen. Wir Kinder hatten keine eigenen Rechte, geschweige denn, dass wir als vollwertiges Individuum angesehen wurden. Die Eltern waren perfekt, sie machten kleine Fehler. Wir Kinder allerdings schon. Es kam selten vor, dass sich meine Eltern für Fehlverhalten oder gar Schläge entschuldigten. Das war halt so.″


Schutzmauern halten uns am leben

Wir werden alle in eine imperfekte Welt hineingeboren. Jeder neue Mensch wächst in einem System auf, das sich noch im Wandel bzw. in der Veränderung befindet. Jede Generation wird mit Problemen und Herausforderungen konfrontiert, die sie zu bewältigen versuchen. Bei dem Versuch die Aufgaben seiner Zeit zu bewältigen stößt der Mensch immer wieder an Grenzen – Innere so wie Äußere. Diese Grenzen verursachen Fehler bzw. Handlungen oder Gedanken, die zu Schmerzen führen und diese wiederum zu Schutzmauern.

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Sie gehören zum Erwachsenwerden dazu. Foto: tCl

Familie Steiner kramt ein weiteres Foto heraus. Auf diesem Bild ist Vater Steiner zu sehen. Er trägt das Zertifikat seines Gesellenbriefs in der Hand. Rechts neben dem jungen Stefan Steiner steht sein Vater und links seine Mutter. Stefan lacht, als er sich selbst als jungen Mann sieht.

„Oh, das war eine Herausforderung. Mein Vater wollte unbedingt, dass ich wie er die Kunst der Schreinerei erlerne. Ich allerdings wollte in die Stadt zum Studieren. Das passte meiner Familie nicht. Ich war der älteste Sohn und musste tun, was mein Vater befahl. Ihr könnt gar nicht glauben, wie oft ich von zu Hause ausgerissen war. Wie oft ich in mitten von Berlin stand und demütig wieder nach Hause kam, weil ich in der großen Stadt weder Obdach noch Geld hatte. Ich wollte frei sein, Jura, Medizin, Philosophie oder etwas ganz anders studieren – hauptsache weit weg von dem öden Landleben. Doch mein Vater hatte andere Pläne. Er war es gewohnt, dass die Buben in die Fußstapfen ihrer Väter treten, ob sie wollten oder nicht. Einmal hatte ich mich versucht gegen ihn aufzulehnen. Es war circa vier Monate nach meinem Ausbildungsbeginn. Ich hatte die Nase voll von Holz und tat mich mit den Maschinen schwer. Also nahm ich meinen ganzen Mut zusammen, na ja mehr meine Wut und rannte in das Büro meines Vaters. Ich erzählte aufgebracht, dass ich für eine andere Laufbahn vorgesehen war und mehr Qualitäten in mir steckten, als in einer Schreinerei zu versauern. Noch bevor ich meinen Standpunkt zu Ende vertreten konnte, hatte ich eine Ohrfeige verpasst bekommen, die mich zu Boden schmetterte. Als ich auf dem Boden lag, nahm er seinen Gürtel und schlug weiter auf mich ein. Dabei fragte er mich, wie ich dazu kämme, ihn in seinem Haus mit einer solchen Respektlosigkeit zu begegnen. Danach habe ich nie wieder versucht meine Meinung kund zu tun. Ich habe irgendwie gelernt mit all den Maschinen, Werkzeugen und Holz zurechtzukommen und später die Schreinerei meines Vaters übernommen.“

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Handwerkliche Tätigkeiten können ganz und gar beruhigend wirken. Foto: Jürgen Sieber 

„Oh ja ich kann mich noch gut an die Schreinerei erinnern. Lene und ich haben dir immer beim Werken zugeschaut. Du sahst dabei aber immer so entspannt aus. Warum hast du dann doch die Schreinerei aufgeben und bist jetzt als Arzt tätig?“

„Ja, ich war entspannt. Ich gehe heute noch gerne in unsere kleine Werkstatt und bastle, wenn mich die Unruhe packt. Was einst vollkommener Stress in mir auslöste entspannt mich heute! Paradox, nicht wahr? Vielleicht auch nicht. Ich hatte damals keine Wahl, zumindest nicht wirklich. Die Freiheiten, die ihr Kinder heute habt – also euch selbst zu verwirklichen, studieren was ihr wollt, reisen, wohin ihr wollt – diese hatten wir nicht. Man war ganz und gar abhängig von seinen Eltern, es sei denn man verdiente sein eigenes Geld. Und selbst dann, arbeitete und lebte man für Mutter und Vater, die einen einmal aufgezogen hatten. Das war nicht so wie heute, dass die Eltern ins Altersheim kamen oder die Kinder Bafög, Kindergeld oder Sozialleistungen erhielten. Du warst entweder in deiner Familie oder vollkommen auf dich allein gestellt. Ich war zwar immer ein Freigeist und Rebell, doch alleine wusste ich, würde ich niemals überleben können. Also stellte ich meine Bedürfnisse nach hinten und tat das, was für die Familie und Gesellschaft das Richtige war.

Glaubt mir Kinder, das war nicht einfach. Die Umstände meiner Zeit lösten Schmerzen in mir aus, wie auch eure Umstände euch belasten. Wer überleben möchte, musste sich anpassen und Schutzmechanismen entwickeln, die dieses garantierten. So lernte ich Wut, Groll und Enttäuschungen zu schlucken und sie in die einzelnen Werkstücke umzuwandeln. Wann immer ich Hass oder Wut auf den Entschluss meines Vaters empfand, nahm ich mir ein Stück Holz oder auch zwei und stellte über Stunden einen einmaligen Stuhl, Tisch oder Kommode her. Ich verbrachte fast meine ganzen Jugendjahre in der Schreinerei und stellte gefragte Einzelanfertigungen her. Zwar fand ich dadurch Liebe zu einer Tätigkeit, die ich verabscheute, doch war ich lange der Meinung, nur dann großartig zu sein, wenn ich nach dem Bilder anderer lebte. Mein Vater und ich lebten und arbeiteten bis am Ende seines Lebens zusammen. Als Vaterfigur nahm ich ihn allerdings nie wahr. Er war mein Oberbefehlshaber, der mich zu seinem Traummenschen formte. Ich hatte keine wirkliche Beziehung zu ihm und war sogar etwas erleichtert, als er starb. Diese Erleichterung konnten alle wahrnehmen, denn plötzlich begann ich nach Weiterbildungen zu schauen, probierte mich in verschiedenen Aktivitäten aus und fand letztendlich mich selbst in meinen späten Studienjahren.“

„Oh ja, das weiß ich noch ganz genau. Es war eine verwirrende Zeit. In den 90er versuchte eurer Vater alles. Gefühlt jede Woche kam er mit einer neuen Idee an, die unsere – besser gesagt sein Leben – verbessern würde. Diese Zeit trieb uns auch beinahe in die Obdachlosigkeit, weil euer Vater nichts anderes als seine persönliche Selbstverwirklichung im Sinn hatte. Hier ein Kredit für das, da eine Reise nach nirgendwo und jedes Mal wurde es kostspieliger.“

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Gemeinsam ist alles möglich, wenn man einander liebt, raum lässt und akzeptiert. Foto: tCl

„Ja Marlene, du hast recht. Danke, dass du die Zeit mit mir durchgemacht hast. Ohne eure Mutter, die ihrerseits lernte, immer ruhig zu bleiben, alles in Harmonie zu halten und sich ganz und gar in den Schatten zu stellen, hätte ich niemals zu mir selbst gefunden. Ich konnte mich vollkommen ausleben. Ich durfte mich über zehn Jahre auf die Suche nach mir selbst begeben und später eurer Mutter zeigen ihre Schutzfunktionen der Vergangenheit aufzulösen.“

„Na dann, habt ihr euch ja gesucht und gefunden“, entgegnet Martin lächelnd.

Jede Generation macht Fehler – niemand ist perfekt!

„Kinder, euer Vater und ich haben sicherlich nicht alles richtig gemacht. Auch ihr habt geweint, euch verlassen, ungeliebt und vielleicht auch wertlos gefühlt. Wir haben euch sicherlich in manchen Punkten vernachlässigt und in machen Dingen über behütet. Jetzt so kurz vor der Hochzeitsfeier und nach den alten Erinnerungen möchte ich euch sagen: es tut uns leid.″

„Ach Mom, das muss es nicht. Ihr hattet es doch auch nicht leicht. Wisst ihr, klar hättet ihr manches lockerer sehen können, uns in so manchen Situationen jetzt nicht unbedingt eine Ohrfeige verpassen sollen und Vater hätte mehr da sein können. Ja es hätte alles optimaler laufen können, doch das geht nicht und auch wir können für unsere Kinder nicht die optimalen Lebenszustände generieren. Wir sind alle nur Menschen. Mit einer Geschichte und Problemen unserer Zeit. Klar versuchen wir immer das Beste zu machen, aber ist es das? Jeder sieht sich aus seiner Perspektive und noch fällt es dem Menschen schwer, so viel Empathie aufzubringen, dass er sich selbst und gleichzeitig sein Gegenüber wahrnehmen kann. Noch können wir nicht unsere Handlungen, Gedanken und Emotionen betrachten und gleichzeitig berücksichtigen, welche Auswirkungen unser Tun und Denken auf andere haben. Soweit ist der Mensch noch nicht, doch wir sind auf dem Weg dorthin. Bis dahin müssen wir uns weiterhin unsern Schutzfunktion und Schutzmauern innen, wie außen bedienen. Vielleicht leben unserer Urenkel in einer Zeit, in welcher wir erst nachdenken und dann handeln. In welcher der Mensch reflektiert, emphatisch ist und gleichzeitig ein starkes Individuum in einer starken Gemeinschaft. Doch bis dahin können wir voneinander lernen und darauf achtgeben, dass wir die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen, doch die Errungenschaften nicht vergessen.″

Die Worte der Tochter gesprochen: 

Wir tragen alle Schutzmauern oder Schutzfunktionen in uns, die uns im Laufe unseres Lebens dabei unterstützen am Leben zu bleiben. Während die anderen verstummen, um den Ärger aus dem Weg zu gehen, brechen die anderen nach vorne, um nichts an sich heran zu lassen. So flüchten die einen bei dem Beginn einer Beziehung, während die anderen sich in eine Partnerschaft oder Freundschaft nach der anderen stürzen. Die einen bedecken sich mit Kopftücher, die anderen mit Tattoos, Make-up oder sonstigem, um ein Teil von sich – einen verletzlichen Teil – zu verbergen. Das ist weder schlimm, noch krankhaft, noch verwerflich. Es ist ein normales Verhalten des Menschen, dessen wir uns einfach bewusst werden dürfen.

Denn, was das Leben auf der Erde anstrengend macht, ist neben Naturkatastrophen, Kriegen und Hungersnöten, das unbewusste Handeln von eingemauerten Persönlichkeiten. Vor allem dann, wenn sich diese angegriffen fühlen. Schließlich unternehmen verletzte Personen – die wir alle sind – alles, um ihren Schutz zu garantieren, selbst wenn das auf keiner rationalen Gefahr basiert.

Das heißt ein Mensch der sich seiner Schutzfunktionen und ihren Ursprung nicht bewusst ist, feuert ständig, kommt ein anderer diesen zu Nahe. Selbst dann, wenn es sich bei dem anderen um keine Gefahr, sondern einen Freund, einer liebenden Person handelt, welche die Mauern lediglich zu brechen versucht. Diese unkontrollierte und unbewusste Feuern führt zu Konflikten, Streitigkeiten, Disharmonie und zusätzlichem Aufbau und Festigung von Schutzfunktionen.

Peace and Love, pass auf dich auf.

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