Mann, Fensterbank, Rauchen, Sommer, Schauen Deutschland
In der Wohnung eines Freundes wartet Jakov auf seinen nächsten Auftrag.                                     Foto: Archiv

Aus der Serie „Zwischen den Welten“

Jakov arbeitet dort, wo andere feiern gehen. Nein, er ist nicht etwa Barkeeper, auch kein DJ. Er ist auch nicht dazu verdonnert am Eingang den berühmten Spruch „Du kommst hier nicht rein“, zu klopfen. Jokov ist Dealer, Drogendealer und der Mann für alle Arten von Bewusstseinserweiterungen, die man sich vorstellen kann. 

Reportage von Sahra-Latifa A. Warrelmann

Für einen Tag begleite ich ihn und tauche in seine Welt ab.

Nicht mehr viele Jahre fehlen bis Jakov seinen 40. Geburtstag feiern darf. Fast die Hälfte seines Lebens verbrachte er im Rausch, mal mehr mal weniger. Er weiß, welche Substanzen ihn den richtigen Kick zum richtigen Zeitpunkt verschaffen und er weiß auch, wo er sie bekommt. Noch zwei oder auch drei Substanzen fehlen ihm, dann ist seine Liste voll. Unzählige chemische aber auch natürliche Verbindungen flossen bereits durch seine Venen, ganz gleich, ob es sich dabei um die grüne Tüte oder das berühmte „Braune“ handelte. Vom billigen gepanschtem Material bis zur feinsten High-Class Droge, alles war einmal dabei. Dabei geht es dem osteuropäischen Dealer nicht ums Abschießen oder Vergessen, er konsumiert, um zu erfahren – zumindest ist er davon überzeugt. In Jakov steckt ein neugieriges Energiebündel, das fast schon kindlich wirkt, wenn er in seinen viel zu großen Hosen mit einem Lächeln durch den Park hüpft. Da klingt es gar nicht mal so abwegig, dass er im Konsum und Verkauf von Drogen eine Abenteuerreise sieht. Jeden Tag ein Kick, jeden Tag ein Erlebnis, jeden Tag eine andere Welt.

Das morgendliche Aufstehen passiert bei dem Mann für alle Arten von Bewusstseinserweiterungen entspannt. Ein Kaffee, eine Zigarette und wenn vorhanden eine kleine Nase „Weißes“ mit einer Tüte voll Mary. Ja, so lässt es sich leben. Doch die Ruhe wäre ja nichts ohne den Sturm, weshalb schon kurz vor Ende der grünen Tüte das brüchige Smartphone Alarm schlägt. Brm Brm, Brm Brm, eine Nachricht nach der anderen triff ein, als das Internetfähige Telefon das WLAN für sich gewinnt. Es geht los. Die ersten Aufgaben gilt es nun zu bewältigen. Ein paar hundert Pillen müssen ihr Aufbewahrungsort verlassen und in die Hände eines Kleindealers einer anderen Stadt fallen. In den nächsten zwei Stunden muss die Ware vor Ort sein. Der Kleindealer erwartet sein Material pünktlich, schließlich hatte er bereits im Voraus dafür bezahlt. Außerdem warten auch seine Kunden auf ihre „Happy-Pillen“. Das bedeutet für Jakov Vollgas. Der quirlige Osteuropäer mit Affinität zu illegalen Rauschmittel fährt kein Auto, deshalb muss er die insgesamt 30 km Strecke zu Fuß und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln leisten. Kein Problem für Jakov, trotz knapp bemessener Zeit. Auf dem Weg zum Bus gönnt er sich noch einen von dem Grünen. High und gechillt kommt er nach einer Stunde am verabredeten Ort an. Sei kleiner schmaler Kumpel läuft nervös auf und ab. Mit strahlenden Augen berichtet er – wie jedes Mal – von seiner neuen Errungenschaft. „Glaub mir, so etwas hast du noch nie erlebt! Die ballen dich auf jeden Fall weg. Das ist, als würdest du Extasy, MDMA und LSD auf einmal nehmen! Optiks, Flashs, Beißer und mega gute Laune!“ Der gerade einmal 1,55 cm große „Keeper“, also „Aufbewahrer“ kann seine Freude um die heiße Ware kaum verbergen und noch weniger aushalten.

Obdachloser Konsumiert um zu vergessen.
Ein Mann am Abgrund konsumiert Heroin im Park                                                                          Foto: Archiv

Ein Glas Wasser, eine Pille und zwei Bier später weiß auch Jakov genau, was Keeper mit meinte, als er von dem besten Zeug ever sprach! Der sympathische Dealer und Keeper verloren sich in ihren Welten, sodass Jakov sich nach zwei Stunden fragte, weshalb er überhaupt an der Seite des kleinen energischen Aufbewahrers stand.

Das Fragen nahm ein Ende mit dem Klingeln seines Telefons. Eine laute tiefe dennoch junge Männerstimme beginnt das Gespräch. „Alda Mann, wo bleibst du? Ich warte seit einer Stunde auf dich! Du wolltest pünktlich hier sein und mir meine Ware bringen!“

Eine Ausrede und ein paar kurze Diskussionen später sitzt Jakov im Zug. Seine Augen bewegen sich schnell hin und her. Sie verfolgen wohl gerade die vorbeiziehende Landschaft. Plötzlich ruft aus der Ferne ein junger Mann, keine achtzehn Jahre: „Jak! Jak! Hey, was machst du den hier? Geht zufällig was bei dir?“ Der junge Mann mit Springerstiefeln, schwarzer Kleidung und einer menge Nieten, gehört zu Jakovs Stammkunden. Seine jungen Jahre lässt er in Clubs auf fünf, manchmal auch zehn „Teilen“ verstreichen. „Lass uns aussteigen! Nicht hier“, ermahnt Jakov. Die Bahn hält an, die Tür geht auf und die Drogen nehmen ihren Lauf. Brm Brm Brm Brm.

Kornwestheim, Park, Sitzen, Warten, Chillen, Leben, Schwarz-Weiß
Jakov genießt die Ruhe und vor dem Sturm am See in Kornwestheim.                                               Foto: S.L

Das Handy klingelt. Erneut der Mann mit der tiefen allerdings jungen Stimme: „Ey, Alda, hast du nicht gesagt, dass du in einer Stunde da bist. Wo bist du? Es ist mittlerweile eine Stunde. Schlimmer es ist schon fünf Stunden. Sag mal wo bleibst du? Was ist nur mit dir falsch?“ Jakov sucht nach einer Ausrede, stattdessen entschuldigt er sich und verspricht in den nächsten paar Minuten bei ihm zu sein. Wo man einst noch hundert zählen konnte, findet man nur noch sechzig Pillen vor. Auf seinem Weg zum Kleindealer verschenkte er ein paar, wieder andere verkaufte er und ein paar wenige landeten über den Magen direkt in seiner Blutbahn. Jakov ist guter Dinge, schließlich kann er noch immer sechzig liefern und den Preis auf Wunsch senken und schon ist er aus der Sache raus. Es kann nichts schiefgehen davon ist der Mann für die verschiedensten Gefühlen überzeugt. Zwei Stunden später und fünf Pillen weniger erreicht Jakov den Treffpunkt.

Ein weißer Mann circa 185 groß, Glatzenträger und einem sportlich-muskulösen Erscheinungsbild wartet bereits vor einer Garage auf einem Plastikstuhl sitzend auf Jakov. Genüsslich zieht er an seiner Zigarette während er den Ankömmling begrüßt. „Hallo Bruder, schon lange habe ich dich nicht mehr gesehen!“ Jakov beschränkt sich auf ein Nicken, da jegliche Konversation Anstrengung in ihm hervorruft. Der Mann auf dem Stuhl nennt sich Iwan. Jakov und Iwan kennen sich bereits aus dem Kindergarten. Sie waren lange unzertrennlich, bis das Leben ihnen verschiedene Wege bot. Aus seiner Tasche kruschtelt der völlig benebelte Osteuropäer den Beutel voll mit Pillen. In der kleinen Plastiktüte befinden sich nur noch 55 bunte Tabletten, dennoch wirft Jakov den Beutel seinem alten Freund in die Hände. Gerade als sich er sich wieder aus dem Staub machen wollte, halten Iwans große Hände Jakovs Arme fest. „Das sind niemals 100! Willst du mich verarschen?“ Locker antwortet Jakov: „Komm schon, lass gut sein! Die reichen dir bestimmt für eine fette geile Party und den Rest bringe ich dir dann morgen für ne hammer Afterhour!“ Wütend entgegnet Iwan: “Ich will keine FETTE PARTY und auch keine HAMMER AFTERHOUR! Ich will meine Pillen vollständig, und zwar jetzt sofort!“ „Sorry Bro, ich habe nur das! Warte doch einfach bis morgen“, versucht Jakov ihn zu beruhigen. Doch vergebens. Bevor Jakov reagieren kann, drückt Iwan seinen Arm auf den Rücken, bis er zu knacksen beginnt. Jakov versucht ihn mit freundlichen Worten zu besänftigen, Iwan interessiert sich allerdings wenig für den Arm oder die Hilferufe seines alten Freundes.

„Jaki, Jaki, Jaki, du hattest Zeit, du hattest das Material, doch was du nie hattest und niemals haben wirst, ist Verstand! Wärst du jemand anderer würde ich dir sofort sämtliche Knochen brechen. Ich würde dich alle Pillen fressen lassen, dich wieder in die Bahn setzen und die viel Glück auf dem Weg zum Tod wünschen. Du bist aber wie ein Bruder, deshalb breche ich dir jetzt nur den Arm!“ Knack! Jakov schreit vor Schmerzen auf. „Ahhh, du Mistkerl! Warum tust du das?“, fragt Jakov entsetzt über die Handlung seines Freundes. Dieser antwortet nüchtern: „Weißt du, wer zwischen den Welten lebt, der muss hin und wieder in die Realität zurückgezogen werden! Du bist von deinem Kiffen, Saufen, Zeihen und Fressen so am Arsch, das du nur noch in deiner Welt lebst! Du weißt nicht mal was vor die passiert, auch wenn, die Situation vor deinen Augen passiert! Du arbeitest daraufhin noch tiefer abzustürzen! Das kannst du gerne tun, ziehst du aber mich mit rein, dann lieber Bruder, falle auch ich. Du weißt, das ist das Letzte, das ich möchte! Deswegen breche ich dir den Arm. Ein wenig Schmerz, um dich vor deinem Absturz zu bewahren! Also geh zurück und hole mir meine restlichen Pillen!“

Jakov takelt davon, mit Schmerzen und Unlust.

Eine Szene aus dem Leben eines Ludwigsburger Drogendealer. Namen wurden aus Schutz verändert.

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Ein Projekt im Rahmen einer Abschlussarbeit für die Deutsche POP

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