Schon gehört, was erzählt wird in Sankt Petersburg, schon gehört, was man sich auf der Straße sagt? Der Zar ist tot, die Tochter lebt, es geht die Sage, dass sie heute noch lebt,… *

Artikel von Sahra-Latifa A. Warrelmann

Eine über hundert Jahre alte Ermordung bewegte Filmemacher, Trickbetrüger, Musicals, Hochstapler, Schriftsteller und Franzisca Czenstkowski in die Rolle der Anastasia Nikolajewna Romanowa zu schlüpfen.

In der Nacht vom 17. Juli 1918 verschwindet die Zarenfamilie aus ihrem geheimen Gefängnis. Zwei Jahre halten bolschewistische Extremisten Großfürstin Anastasia von Russland und ihre Familie fest. Im frühen 20. Jahrhundert prägen gewalttätige Aufstände, Hungersnöte und grausame Kriege die Welt. Extremisten finden Anklang unter der Arbeitergesellschaft und fordern neue politische Strukturen. Sie sagen dem monarchistischen Adel und Herrschaftsfamilien den Kampf an. Eine tausend jährige Dynastie soll mit der Zarenfamilie untergehen, zumindest fordern dies Bolschewisten. So deportieren Lenis Anhänger die fünfzehn jährige Anastasia, ihren an der Bluterkrankheit leidenden Bruder, ihre großen Schwestern wie auch ihre Eltern nach Jekaterinburg. Weder Licht noch andere Menschen dürfen die Romanows erblicken, weshalb die Bolschewisten vor ihrer Ankunft alle Fenster weiß bemalen und Türen verschließen. Trotz der Gefangenschaft leben die Romanows ohne Sorge. Ein paar ihrer Bedienstete, ebenfalls Gefangene, kümmern sich noch immer um die Familie und helfen ihnen die Zeit im Ipatjew-Haus so angenehm, wie möglich zu gestalten. Er wenige Tage vor ihrer grausamen Ermordung zieht Angst bei den Romanows ein. Anstelle der freundlichen Wachleute quartieren Jakow Jurowski und seine Männer in das Haus ein. Sie übernehmen die Führung in Jekaterinburg und bringen den schwarzen Tod mit. Die neuen Wächter verhalten sich distanziert und kalt gegenüber den Gefangenen. Ihre Aufgabe besteht darin die weiße Armee, die auf der Suche nach den Romanows begab, davon abzuhalten diese zu befreien. Gäbe es ein Zertifikat für die Vollendung der Aufgabe, hätte Jurowski sicherlich eine Ehemauszeichnung wegen der Art und Weise seiner Umsetzung erhalten.

Schwarz/Weiß Aufnahme der Zarrenfamilie
Foto: Russia Beyond — Nikolaus der Zweite mit seiner Familie: Seine Frau Alexandra, die Töchter Maria, Tatjana und Anastasija und der Sohn Aleksej.

Der brutale Mord an einer Familie!

Zehn Männer stehen der an Stühlen gefesselten Zarenfamilie in einem kalten Raum gegenüber. Sie tragen Pistolen und Macheten bei sich, bereit für ein Massaker. Zwanzig lange Minuten dauert die Ermordung der Romanows und ihren Anhänger an. Zwanzig Minuten voller Schreie, Gewalt und Brutalität. Zunächst schießt man Nikolaje II. in den Kopf, danach exekutieren Juowskis Männer Alix von Hesse-Darmstadt, Anastasias Mutter durch einen Schuss ins Herz. Auch der schwerkranke Junge stirbt sofort. Die vier Großfürstinnen, darunter Anastasia, erleben ein bestialisches Ende. Als die Männer ihre Waffen auf die Mädchen richten, passiert etwas Erstaunliches: Die Kugeln prallen ab. In weiser Vorahnung nähten die jungen Frauen Diamanten in ihre Korsetts ein. Zu ihrem Nachteil, denn die abprallenden Kugeln lösen Wut in Lenins Anhänger aus. Wild entschlossen auch die letzten Erben von Nikolaje II. auszulöschen, stechen Jurowski und seine Gefolgschaft mit Macheten auf Tatjana, Olga, Marija und Anastasia ein. Solange bis diese keinen Ton mehr von sich geben und der Raum gänzlich Stille herrscht. Zwanzig Minuten und das Licht einer der mächtigsten Personen des 20. Jahrhundert erlischt. Wenige Stunden nach dem Tod des Zaren und seiner Familie geben bolschewistische Sprecher die Ermordung des großen Nikolaje II. bekannt, verschweigen aber das Ableben seiner Kinder und Frau. Somit entsteht ein Mythos, der bis 2007 unerklärt bleibt.

Großfürstin Anastasia, Portrait, Schwarz-weiß aufnhamen
Foto: Wikipedia
Großfürstin Anastasia. Portrait der jüngsten Tochter.

Was passierte mit den Kindern?

Kurz nachdem die Öffentlichkeit von Nikolajes II. Tod erfährt, sichten Menschen weltweit Alix und ihre Kinder. Sie sollen sich auf einer Yacht verstecken und dazu verdammt sein, nie wieder das Festland zu betreten. Anastasia habe man sogar in einem Zug nach Rumänien erkannt.
Die weiße Armee, die sich während des russischen Bürgerkriegs bildete und gegen die Ansichten des bolschewistischen Sowjetrussland kämpft, versuchen die Klatschgeschichten einzudämmen. Anstatt Ruhe und Klarheit erzeugen sie allerdings noch mehr Gerüchte.
Im Zuge ihrer Nachforschungen stoßen die Ermittler in Jekaterinburg zwar auf einen blutigen Tatort, Leichen jedoch finden sie keine. Die sterblichen Überreste der Zarenfamilie sind verschwunden und einfach in Luft aufgelöst. Kein Wunder, dass in der Bevölkerung ein Mythos aufkeimt, um den Verbleib der hübschen Mädchen, der warmherzigen Mutter und des gebrechlichen Jungens.

Anastasia lebt! Die Zarentochter kehrt zurück oder etwa nicht?

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Foto: Archiv. Auf der linken Seite Anna Anderson, die angebliche Anastasia und links die junge Großfürstin.

Drei Jahre nach dem grausamen Blutbad fischen Einwohner eine junge Frau aus dem Berliner Landwehrkanal. Berlin gilt in den 20er des 20. Jahrhundert als Schlupfloch für Adlige weltweit, die den Bürgerkriegen entfliehen möchten. Weshalb kaum jemand daran zweifelt, dass es bei der verstörten Unbekannten, um die verschollene Großfürstin Anastasia handelt. Vermutlich war Franzisca Czenstkowski, die zarte Frau im Landwehrkanal, versucht sich das Leben, zu nehmen. In der Psychiatrie weigert sie sich, ihren Namen zu nennen, weshalb sie als „Fräulein Unbekannt“ geführt wird. Es dauert nicht lange, bis Franzisca Czenstkowski ihre Stimme wiederfindet und überzeugt verkündet: Sie ist die verschollene Großfürstin Anastasia. Die damalige Boulevardpresse erfährt rasch der Behauptung des unbekannten Fräulein und verbreitet ihrer Story auf den Titelblättern der Welt. Trotz vieler Widersprüche in den Aussagen schenken die Menschen, darunter auch Mitglieder der Romanow-Holstein-Gottrop Familie, der jungen Frau Glauben. Viel zu groß ist die Sehnsucht nach einem glücklichen Schicksal für wenigstens eines der Kinder.

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Foto: blog.newspaper.com  Alter englischer Zeitungsartikel, der sich mit der Frage nach der wahren Anastasia auseinandersetzt.

Der Fall Anna Anderson, wie sich Franzisca Czenstkowski nach ihrer Heirat nennt, entwickelt sich zu einem der größten Gerichtsverfahren aller Zeiten. Ist sie es oder ist sie es nicht? Hat die jüngste Zarentochter tatsächlich das Massaker überlebt? Erst zehn Jahre nach Anna Andersons Tod steht durch eine DNA-Analyse fest, die sprachbegabte Großfürstin ist noch immer verschollen und Anna Anderson eine Hochstaplerin.

Mit dem Ende der Sowjetunion 1991 nimmt die russische Regierung sich ihrer Vergangenheit an und genehmigt die Suche und Ausgrabung der verschollen Leichen. Tatsächlich finden sie Gebeine, die sie 1993 als sterbliche Überreste des Romanov Geschlechts identifizieren. Damit ist der Mythos Anastasia nicht erloschen, nein er beginnt erst hier zu brodeln. Bei den Ausgrabungen fehlen zwei Skelette, die einer Tochter und die des Thronfolgers Alexander. Der neue Ermittlungsstand versetzt Menschen weltweit in einen Schockzustand.

Überlebte die Zarentochter tatsächlich? Wenn ja, was ist aus ihr geworden?

Anastasia der Film, Zeichentrick, 1997
Anastasia der Film. Der böse Rasputin tötet die Zarrenfamilie. Küchenjunge Demitrie rettet die verwaiste Anastasia und bringt sich zu ihrer Großmutter nach Paris.

Die neuen Erkenntnisse inspirieren Filmemacher zu einem großartigen Werk. 20Th-Century-Fox-Studios, produziert Ende der 90er Jahre den US-amerikanischen Zeichentrickfilm „Anastasia“. Der 94 minütige Film, lässt Herzen höher schlagen, denn in der Cartoon-Fantasyfilm basierend auf wahrer Begebenheit, überlebt die hübsche Großfürstin das Blutbad. Sie allein gelangt durch den Küchenjungen zurück in die Arme ihrer königlichen Großmama. Auch Gleb Botkin, der Sohn des Leibarztes der Romanows und gleichzeitig einziger tatsächlicher Überlebender, hoffte in Anna Anderson, seine Kinderliebe Anastasia wieder zu finden. Doch die Funde von 2007 zerstören diese Wunschvorstellungen ein für alle Mal. In einem Grab nicht weit von den anderen Gräbern in Jekaterinburg entfernt finden Ermittler die letzten sterblichen Überreste der hingerichteten Zarenfamilie.

Der Küchenjunge Dimitri brachte seine geliebte Anastasia auf der Leinwand nach Hause, Gleb Botkin und der Rest der Welt aber, mussten verstehen, dass die jüngste Zarentochter Anastasia Nikolajewna Romanowa nie wieder nach Russland finden wird.

*(Erste Strophe des Soundtracks aus dem Film Anastasia „Was erzählt wird in Sankt Petersburg“ )

ACHTUNG für alle Anastasia-Fans! Erlebe den unfassbaren Mythos auf der Bühne.  Anastasia jetzt als Musical in Stuttgart. Besuche die Deutschlandpremiere im Stage Palladium Theater im Herbst diesen Jahres! Sei dabei ab November 2018.

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