Eine perfekte Frau trägt langes Haar, kleidet sich stilvoll und ist natürlich am ganzen Körper glatt rasiert. So oder ähnlich definiert die Gesellschaft das Bild der Frau zum Leid vieler, die diesem Bild nicht entsprechen.


Als ich in der 8 Klasse war begannen die Mädchen um mich herum ihre Augenbrauen zu zupfen, Schminke aufzutragen und ihre kaum vorhanden Körperhaare zu rasieren. Als ich sie fragte warum sie all die Mühe aufnahmen, um ihren ohnehin schon makellosen Körper zu richten antworteten diese: „Wir wollen für die Jungs attraktiv aussehen!“

Für die Jungs attraktiv aussehen? Warum, wozu und weshalb auf diese Art und Weise? Ich konnte nicht verstehen, weshalb sie morgens extra 2 Stunden früher aufwachten, um ihrem Körper ein ganz anderes Aussehen zu verleihen und das alles nur wegen den Jungs. Also durchblätterte ich die damals angesagten Jugendzeitschriften, schaute mir die Werbung genauer an und studierte das Bild der attraktiven Frau.

In den Illustrierten, der Werbung und in den Serien sowie Filmen wurde jede Frau durch Make-up und aufwändige Stylings „schön gemacht“. Mit dem Hintergrund: das Beste aus der Frau herauszuholen. Auf keiner Magazinseite fand ich eine Frau mit Achselhaaren oder Beinhaaren, auch waren sie alle durchweg geschminkt. Also rätselte ich, grübelte und betrachtete mein Erscheinungsbild im Spiegel. Ich kam zu dem Entschluss, dass ich im Vergleich zu den anderen Frauen und den Mädchen in meiner Klasse hässlich war. Schließlich entsprach ich nicht dem Bild der perfekten Frau. Mein Haar war nicht aufwändig gestylt, meine Augenbrauen wuchsen natürlich und meine Beinhaare sowie meine Achselhaare fingen an zu sprießen. Eigentlich war ich froh um meine Haare am ganzen Körper, schließlich waren sie ein Zeichen dafür, dass ich von einem Kind zu einer Frau heranwuchs. Ich wollte dieses Zeichen für mein beginnendes Jugendzeitalter nicht entfernen, nur weil die Gesellschaft es forderte. Ich wollte mit stolz meine Aussehen nach außen tragen.

Dieser Wunsch hielt nicht lange an. Er verging ziemlich schnell und wurde von dem Ziel, den Frauen in den Magazinen zu entsprechen verdrängt. All das wurde gefördert, als meine Mitschülerinnen begannen mich zu hänseln.

„Ihhhh, hast du mal deine Augenbrauen angeschaut. Die sind so breit und so ungepflegt. Und, deine Beine! Das geht ja mal gar nicht!“, riefen die Mädels in der Sportumkleidekabine. Frustriert wartete ich das Ende der Sportstunde ab, um so schnell wie möglich zu Hause anzukommen. Ich musste eine Frau werden. Ich wollte akzeptiert werden und wie die anderen Mädels von den Jungs begehrte werden. Also packte ich den Rasierer meiner Mutter, legte mich in die Badewanne und begann meine gerade erst gewachsenen Körperhaare zu entfernen. Dabei schnitt ich mir einige Male in die Haut und verstand so gar nicht, was daran toll sein sollte. Bis…

… Bis ich meine glatten Beine, Arme und Achseln spüren konnte. War es das, wonach sich die Jungs sehnten? War es dieses sanfte Gefühl, dass sie an einer Frau schätzten? Nachdem mein Körper glatt wie ein Babypopo war, konzentrierte ich mich auf meine Augenbrauen. Damals war es so was von im Trend Millimeter dünne Augenbrauen zu tragen. Alles andere galt als unhygienisch und unattraktiv. Also schnappte ich die Pinzette meiner Mutter und zupfte mir unter Tränen meine Augenbrauen, denn die ganze Prozedur war mehr, als schmerzhaft.

Nach getaner Arbeit betrachtete ich mein Spiegelbild. Ein Lächeln huschte mir über die Lippen. Nun, war ich eine Frau. Stolz ging ich am nächsten Tag in die Schule und präsentierte mein Werk. Die Mädels in meiner Klasse waren positiv von meiner Verwandlung überrascht und nahmen mich in ihre Kreise auf. Erst später stellte ich fest, dass die Freundschaft zu ihnen bedeutungslos ja gar oberflächlich war. Doch eine zeitlang fühlte ich mich attraktiv, gewollt und begehrte. Sogar die Jungs wollten mit mir Zeit verbringen, sodass ich mich mit dem Entschluss zur Rasur bestätigt fühlte.

Meine Mutter allerdings sah das Ganze etwas anders. Sie schimpfte mit mir und erklärte mir, dass ich es doch gar nicht nötig hätte, mich auf Oberflächliches zu konzentrieren. Dass, die inneren Werte von Bedeutung sind und eine Rasur keine Frau aus mir machen. Ich wollte nicht auf sie hören und sah ihre Ansichten als überholt an.

Es dauerte weitere 10 Jahre bis ich erkannte, das Frau Sein rein gar nichts mit Make-Up, schicken Kleidern und glatten Beinen zu tun hatte. 10 Jahre in welchen ich mich Tag ein und Tag aus mit meinem Äußern und weniger mit meinem Inneren beschäftigte. In diesen 10 Jahren glaubte ich, dass die Aufgabe jeder Frau sei, sich dem Mann unterzuordnen. Ich glaubte alle Strapazen auf mich nehmen zu müssen, um stetig „perfekt“ – also nach Vorbild der Magazine, Serien und Filme – handeln zu müssen. Mein Körper durfte keinen Gramm Fett aufweisen, meine Brüste müssten makellos straff sein, mein Haar wie aus der Shampoo-Werbung glänzen und mein Körper so glatt wie ein Babypopo. Nur dann, würde ich auf dem Beziehungsmarkt und Beliebtheitsmarkt bestehen können. Nur dann, wäre ich eine vollwertige Frau.

Als dann mein Sohn zur Welt kam, mein Körper von Narben überseht war und meine Brüste an Straffheit verloren begann ich eine Krise zu schieben. Schließlich blieben mir nur noch meine glatten Beine und Arme als Zeichen meiner Weiblichkeit. Ich fühlte mich unattraktiv ja gar abstoßend und transportierte dieses Gefühl nach Außen.

Wie sollte ich mich mit diesem Aussehen mit andern Frauen messen können? Wie sollte ich mit meiner Erscheinung jemals wieder begehrt werden? Also begann ich Sport zu treiben, – auf ungesunde Weise – aß kaum etwas, zog mir Abnehmtabletten rein und dachte an nichts anders, als an eine Schönheits-Op. Sagte mir jemand, dass nicht mein Äußeres, sondern mein Inneres liebenswert ist, sah ich diese Aussage als Angriff an. Was sollte das denn heißen? War ich so hässlich, dass mir nichts weiter als mein Inneres blieb, das durch meine stetigen Selbstzweifel an Schönheit verlor? Ich war verzweifelt. Diese Verzweiflung erreichte seinen Höhepunkt mit meiner Scheidung. Nun war ich Mutter, geschieden und hatte nichts vorzuweisen, das mich begehrt machte – so dachte ich.

Wieder stürzte ich in eine Krise, wieder begannen Selbstzweifel und Selbsthass mich aufzufressen, bis ich meine Schönheit in mir fand. Wahrlich ein langer Prozess, doch ich fand sie in meinem Herzen und das mit Achselhaaren.

Zitate, Sprüche, Weisheiten zur Schöneit
Foto: Latifa Warrelmann

Vor circa 1 ½ Jahren legte ich ein Zölibat-Gelübde ab. Kein Sex, keine Beziehungen, keine Männer und kein Kuss. Da ich nicht mehr auf dem Beziehungsmarkt unterwegs sein musste brauchte ich mir um Rasuren, gezupfte Augenbrauen und Make-Up keine Gedanken mehr zu machen.

Ich ließ meinem Körper und meiner Natur freien lauf und entdeckte andere Qualitäten, wie zum Beispiel meine Werte, meine Gedanken, meine Talente und mein Handeln. Um so weniger Augenmerk ich auf mein Äußeres legte, um so mehr entdeckte ich meine berühmten inneren Werte. Ich entdeckte, dass zum Frau-Sein kein Make-Up oder eine Rasur nötig war, sondern Zufriedenheit, Selbstliebe, Toleranz und Offenheit sowie Liebe zu meinem Umfeld. Um so länger meine Beinhaare und Achselhaare wurden, um so mehr begann ich zu lächeln. Es kümmerte mich nicht mehr, was andere von mir dachten. Ich war nicht mehr verbissen darauf einem Bild zu entsprechen, das ich a) niemals entsprechen wollte und b) auch nicht konnte. So entdeckte ich meine Talente und stellte fest, wie wunderschön ich bin, wenn ich einfach nur in meinem Element bin.

Diese Erkenntnis schenkte mir Freiheit und eine Schönheit, die durch Rasuren, gezupfte Augenbrauen und Make-Up niemals zu erreichen ist. Denn ein sicheres, liebevolles und gütiges Auftreten erhält man nicht durch Pflege des Äußeren, sondern durch Pflege der inneren Werte.

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4 Comments

  1. Was für ein inspirierender Blogpost! Danke für soviel Input schon früh am Morgen 🙂
    ich bin ja der Meinung, dass es auch eine ganz große Rolle spielt ob man sich selbst schön findet oder nicht.
    Jemand der sich selbst schön findet strahlt aus “Hey seht mich an ich bin schön!” – und das kommt natürlich auch bei unseren Mitmenschen an.
    Alles Liebe

    Son

    1. Hallo liebe Sonja,
      danke für deine Nachricht bzw. dein Kommentar. Ja, du hast vollkommen Recht die innere Haltung strahlt man nach außen. 🙂
      Danke für deinen Beitrag.
      Auch dir alles Liebe
      Latifa

      Latifa Warrelmann
  2. Ein wunderschöner Beitrag! Ich finde ja trotzdem, dass sich beides nicht ausschließen muss. Ich bin seit 6 Jahren verheiratet und mache mich einzig und allein für mich selbst hübsch. Dazu gehört auch Rasur und Make-Up. Ich kann mich aber auch gut leiden wenn ich im Jogger und ungeschminkt zum Supermarkt fahre. Zu Selbstliebe gehört (für mich) auch Pflege und Zeit, die ich damit verbringe mich hübsch zu machen. Mir macht es Spaß mich zu schminken oder mir ein Outfit zu überlegen. Es entspannt mich und ist Ausdruck meiner Kreativität 🙂 Was andere darüber denken, ist mir total egal – ich möchte nur nicht als oberflächliches Püppchen abgestempelt werden, nur weil ich mich gern zurecht mache. Andersrum geht es nämlich auch!

    Liebe Grüße
    Verena

    http://www.my-philocaly.com

    1. Liebe Verena,
      vielen vielen Dank für deinen Beitrag. 🙂
      Ja du hast Recht, die andere Seit gibt es ja auch noch. Das habe ich gar nicht bedacht.<3
      Danke, dass du meinen Horizont erweiterst.
      Stimmt was soll schon daran verkehrt sein auf sein Äußeres zu achten und warum sollte man dann gleich als Püppchen abgestempelt werden? Richtig so. Vielleicht habe ich diese Seite noch nicht gesehen, weil ich nie zu der Art Mädchen später Frauen zählte, die viel auf Schminken und wechselndes Outfits wertgelegt habe. Aber du hast Recht. Es ist ein Ausdruck von Kreativität und ein Stückchen weit ein Ausdruck der verschiedenen Facetten der Persönlichkeit sich über sein Outfit/Auftritt Gedanken zu machen. Ha... Das habe ich gar nicht bedacht. Danke.
      Ich wünsche dir alles Gute und viel Spaß weiterhin mit dir <3

      Liebe Grüße
      Latifa

      Liebe Grüße
      Latifa

      Latifa Warrelmann

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