Wer im Glashaus sitzt sollt nicht mit Steinen werfen. Früher pflegte meine Mutter diesen Satz zu sagen, wenn ich mal wieder mit dem Finger auf andere zeigte, aber mich selbst nicht vorbildlicher verhielt. Auf der Suche nach einem Gerichtsgebäude lernte ich, das es einfach ist den Fokus auf die Fehler anderer zu richten und sich dabei vollkommen zu vergessen!


Ich war heute mit einem Freund unterwegs. An und für sich nichts Besonderes. Nichts weshalb es sich zu schreiben lohnt, wäre da nicht dieser eine Augenblick entstanden, welcher Entsetzen in mir auslöste und mich später eines Besseren belehrte.

Wir begaben uns auf die Suche nach einem Gerichtssaal – inmitten Stuttgart. In vier Tagen steht eine Verhandlung bevor, die den Verlauf des Lebens meines Freundes beeinflussen wird. Damit wir zum Termin in vier Tagen pünktlich erscheinen, erkundeten wir bereits heute die Gegend. So konnten wir sicher gehen, dass Verspätungen oder Komplikationen und somit ein negatives Bild gar nicht erst entstehen konnten. Wir irrten umher, verliefen uns und kamen trotz Fragen einfach nicht weiter. Bereits drei Mal entdeckten wir dieselbe Säule mitten im Park, von wo aus unsere Suche begann.

Die schwäbischen Passanten waren auch keine Hilfe. Trotz anfänglicher Verwunderung und Skepsis waren sie bemüht uns zu helfen, – da soll einer nochmal sagen die Schwaben seien unfreundlich – dennoch wusste keiner wo sich das laut Karte das fünf Fußminuten entfernte Gericht befinden sollte. Es schien, als gäbe es ein weiteres Bermuda-Dreieck inmitten Stuttgart. Ein Bermuda-Dreieck, das dieses ominöse Gericht verschluckte. So konnte es einfach nicht weiter gehen. Meine Füße begannen zu pochen, meine Nerven lagen blank und mein Kopf war mit den noch anstehenden Aufgaben des Tages gefüllt. Das Gericht musste gefunden werden. Ohne Wenn und Aber. Das konnte doch nicht sein, dass niemand seinen Standort kannte. Ich drehte mich im Kreis, scannte die Umgebung ab und entdeckte wenige Meter von uns entfernt ein Schild zum Finanzamt. Perfekt.

“Hey, let’s go in there. I think they know where we can find the court. This is a government agency, they need to know where the court is located. I think they can help us.”

Mein Bruder stimmte zu und so machten wir uns auf den Weg zum Finanzamt – dem Freund und Helfer, der Behörde des Bürgers. Am grauen Betongebäude angekommen, unterhält sich ein etwa 60 vielleicht auch 70-jähriger Mann. Er schaut grimmig ja schon gar verbittert drein, als würde diese Aufgabe ihn keineswegs erfreuen. Mit dem freundlichsten Lächeln, das ich gerade aufbringen konnte und einer Ausstrahlung des Glücks beginne ich unseren Kontakt.

“Entschuldigen Sie, können Sie mir weiterhelfen? Ich bin auf der Suche nach einem Gericht. Wir haben in wenigen Tagen eine Verhandlung und möchten bereits im Vorfeld den Standort ausmachen.”

Die Blicke des Mannes wanderten auf das Einladungsschreiben in meiner Hand. In diesem kurzen Moment war ich vollkommen überzeugt, dass mein Gegenüber gerade an einer Wegbeschreibung tüftelt. Doch der Moment verflog in der Sekunde, als sich sein Gesicht noch grimmiger formierte. Seine Augenbrauen berührten sich schon beinahe, so verärgert sah er aus. Wie konnte ihn diese Frage so verärgern? Egal. Ich verwarf die Frage und war gerade entschlossen noch einmal freundlich nach dem Weg zum Gericht zu fragen, als er in einem Ton der vor absoluter Erzürnung nur so überschwoll folgende Worte herausbrachte:

“Geben Sie mal den Brief her!”

Ich zögerte für einen Moment. Schließlich wollte ich das private Schreiben meines Freundes nicht einfach so in fremde Hände geben. Und, irgendwie schon gar nicht in seine. Dennoch schob ich das unwohle Gefühle und die beschleichende Skepsis zur Seite. Er ist auch nur ein Mensch. Vielleicht hatte er heute einen schlechten Tag. Vielleicht auch schon seit Jahren. Das muss nicht heißen, dass er bösartig agiert. Außerdem suchten wir noch immer nach dem Gericht. Er als Mann des Finanzamtes, als Mann der vom Staat eingestellt worden war, wird doch sicherlich uns helfen. Also schob ich den Brief durch das Glasfenster und hoffte, dass er uns zur angegebenen Adresse führen konnte. Damit er weiß um welche Adresse es sich handelt, hielt ich meinen Finger an die fett markierte Stelle. Doch anstatt die Adresse in den Computer oder durch seinen Verstand zu jagen, blätterte er wie selbstverständlich durch das vertrauliche Schreiben.

Ein Zitat das die Geschenke des Lebens würdigt
Zitat: Latifa A. Warrelmann, Design: Latifa A. Warrelmann

Eine Frechheit. Mein Blut begann zu kochen. Mein Gesicht erwärmte sich. Okay, dachte ich mit schon leicht angespanntem Unterton und ebenso angespannten Lippen. Vielleicht hat er ja meine Frage nicht richtig verstanden und sucht in dem Brief nach einer selbsterklärenden Antwort. Also nehme ich noch einmal meinen Finger, blättere wieder zurück auf die erste Seite und zeige erneut auf die fett markierte Adresse. Laut und deutlich wiederhole ich meine Frage:

“Wo finde ich dieses Gericht? Es müsste hier in der Nähe sein. Können Sie mir helfen?”

Wieder lautet seine Antwort Stille. Statt mir eines Blickes zu würdigen und einen Ton von sich Preis zugeben, liest sich der Mann hinter den Glasfenstern des Finanzamtes ungeniert den Brief meines Freundes weiter durch. Nun reicht es, er hatte eine Grenze, nein zwei oder auch mehrere überschritten. Eine innere Stimme bestätigte mein aufkommendes Gefühl mit den Worten:

<<Solange braucht doch keiner, um sich eine Adresse durchzulesen, vor allem kein Mann der noch eben locker flockig etwas in seinen PC eintippte und der Person vor mir, den Weg zum Saal “Schlag- mich-tot” erklärte.>>

Wütend griff ich durch das Fenster, riss dem verwunderten und immer noch bösartig ausschauenden Mann das Schreiben aus der Hand. Mit einem entschlossenen Blick hielt ich seinen fest. Dabei wartete ich auf eine Erklärung für sein Verhalten, eine Entschuldigung oder den ominösen Weg zum Gericht. Nichts dergleichen kam, stattdessen sprach er nüchtern:

“Hier gibt es kein Gericht!”

Sein Blick schien Triumph auszustrahlen mit einer Mischung aus Verachtung, als habe er gerade eine ganz persönliche Schlacht für sich gewonnen. Als wäre er seinem Tagesziel einen Schritt weiter – worum auch immer es sich dabei handeln mochte. Stolz und wütend – eine gefährliche Mischung im Übrigen – verließ ich das Amt des Bürgers. Mein Freund wartete bereits auf mich. Er hatte das Geschehen verfolgt. Naserümpfend lauschte er meinen Erzählungen.

Irgendwie erwartete ich am Ende meiner Story einen aufgebrachten Bruder! Ich erhoffte mir, dass wir gemeinsam die Menschen verteufeln, die sich einen Spaß daraus machten – oder eine Genugtuung darin sahen – andern ein Bein zu stellen. Doch, stattdessen lächelte er mich an, zückte sein Handy und meinte: Wir können auch Maps einschalten!

Innerhalb 5 Minuten kamen wir am Gericht an. Es lag zwei Straßen vom Finanzamt entfernt. Jemand, der dort arbeitet, ist bestimmt das ein oder andere Mal daran vorbeigelaufen. Ich war noch immer verärgert über die Dreistigkeit dieses Mannes, als mein Kumpel mich in den Arm nahm und sagte:

“Hey, this people are everywhere. Es gibt überall diese Menschen, die ihren Frust an anderen auslassen müssen.”

Er ging einen Schritt zur Seite lächelte mich triumphierend an, als hätte er gerade etwas entdeckt, das er mir vor die Nase halten konnte und spricht:

“Es gibt überall diese Menschen, die vor lauter Hektik und Stress durch die Gegend rennen müssen, während sie das offensichtliche Übersehen. Chill. Ihr beide durftet heute etwas lernen. Freue dich, wir sind angekommen. Wir müssen ihm nicht noch einmal begegnen und du, du kannst mich das nächste Mal vielleicht mit einem ruhigen Kopf begleiten. Ungerechtigkeiten sind ein Teil des Lebens. They happen, and you can´t do anything to stop it. However! You decide, if it will influence your actions and your path of life or, if you smile about it, learn from it and choose an alternative way.”

Hör dir den Podcast an und erfahre, weshalb die Geschichte so voll von Bedeutung für mich ist.

Ich freue mich auf deine Abo. Peace and Love
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2 Comments

    1. Na ja weglächeln ist nicht ganz richtig. Das Lächeln ist hier mehr ein Wink, ein Zeichen und ein Anstoß um liebevoll zu erkennen. Denn manchmal braucht es Zuckerbrot, um seine Schattenseiten erkennen zu können. <3

      Latifa Warrelmann

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